Full text : Der Bolschewismus

28 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
Regime sich in kritischen Zeiten, d. h. in Zeiten einer äußern Bedrohung,
 nicht als stark genug erwies. Erst dann waren die
Voraussetzungen für das Offenwerden der Agrarkrise, für eine
allgemeine Erschütterung des Selbstbewußtseins der herrschenden
Bürokratie gegeben. Erst dann konnten die gegen die Regierung
gerichteten Schichten Möglichkeiten für eine Aktivität in breiten
Massen erlangen. Daher hätte die russische Monarchie das größte
Interesse daran haben müssen, den Frieden zu bewahren, da beteits
 der Krieg mit Japan eine schwere innerpolitische Krise ausgelöst
 hatte.
Aber ein Verzicht auf außenpolitische Ausdehnung widersprach
der ganzen Tradition des Regimes. Es war durch Eroberung stark
geworden. Daher glaubte es auf Eroberungen nicht verzichten zu
können. Die Unfähigkeit, das bereits Eroberte bis zur letzten
Möglichkeit für sich auszunützen, die rein äußere Herrschaft über
viele Gebiete des Reiches — man braucht nur an Polen zu erinnern
 — schien nur zu weiteren Eroberungen zu treiben. Man
kann vielleicht sagen, daß hier sich die gleiche Erscheinung wirksam
 zeigte wie beim Bauerntum, welches infolge seiner zurückgebliebenen
 Wirtschaftsweise von der Vorstellung getrieben und
beherrscht wurde, daß eine Erweiterung seines Landbesitzes eine
Befreiung von seinen Nöten bewirken könne. Auch Prestigemomente
spielten eine große Rolle. Man mußte der gebildeten Gesellschaft
bei der Unvollkommenheit der innern Verwaltung außenpolitische
Erfolge bieten. Es ist keine Frage, daß bereits im 19. Jahrhundert,
vor allem aber unter Nikolaus II, gewisse panslawistische Ausdehnungspläne
 gerade in der gebildeten Gesellschaft, in den Kreisen
der liberalen Opposition besondern Anklang fanden. Diese warfen
der Regierung, dem bestehenden System, vor, auch außenpolitisch
nicht den russischen Interessen zu entsprechen. Lehrte nicht die
Erfahrung des Krieges mit Japan, daB man das russische Volk
von der in ihm verbreiteten Unkultur befreien müsse, um es einem
modern ausgerüsteten Gegner voll gewachsen zu machen? Auch
während des Weltkrieges war es der Hauptvorwurf der bürgerlichoppositionellen
 Kreise gegen das Zarenregime, den Krieg wirtschaftlich
 und organisatorisch nicht genügend vorbereitet, die Rüstung
 des Landes auf den Krieg nicht genügend gefördert zu haben.
Es ist aber durchaus falsch anzunehmen, daß die russische
Monarchie während der letzten Epoche ihrer Existenz von Jahr
zu Jahr fortschreitend immer mehr bedroht war. Zwar arbeiteten
verschiedene soziale Gruppen gegen sie, aber es ist nicht zu
verkennen. daß die im 19. Jahrhundert gefährlichste, wenigstens
            
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