Full text : Der Bolschewismus

58 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

war, Diese Legitimation war die Berufung auf den Willen der
Werktätigen, der sich bei den Massen in Form einer Ablehnung
der bisherigen Zustände, in der Agrarrevolution, der Friedenssehnsucht,
 der Auflösung des Heeres, dem Sinken der Disziplin in
den Betrieben usw., äußerte und von den Bolschewisten einfach
für ihr die gegenwärtige Ordnung verneinendes sozialistisches Programm
 in Anspruch genommen wurde. Diese Berufung wurde in
der Losung: „Alle Macht der Vertretung der werktätigen Massen,
den Räten“, formuliert, die sich unter Führung der Bolschewisten
gegen das bestehende staatliche und gesellschaftliche System
wandten.
Aber noch blieb in den ersten Monaten der bolschewistischen
Herrschaft eine große Unklarheit, — es blieb die Möglichkeit, daß
die in der Schlußzeit der Regierung Kerenskis und in den Anfangswochen
 des bolschewistischen Regimes gewählte Nationalversammlung
 sich gegen die bolschewistische Regierung wenden würde.
Trotz aller Wahlbeeinflussungen besaß diese Versammlung eine
ausgesprochen antibolschewistische Mehrheit, die aus Sozialrevolutionären
 bestand. Was würde die Nationalversammlung mit
den bolschewistischen Dekreten tun, die ihren Entscheidungen
vorgriffen? Diese Dekrete waren ja vielfach ausdrücklich als
Maßnahmen, welche die Nationalversammlung zu bestätigen hätte,
gekennzeichnet ?.
Von einer stets geäußerten prinzipiellen Feindschaft der Bolschewisten
 gegen die Nationalversammlung kann keine Rede sein. Sie
hatten ja selber während der Kerenski-Periode die sofortige Ansetzung
 der Wahlen verlangt. Um so schwerer schien die Gefahr
zu sein, die ihnen von der trotz der Ausschaltung der gegenrevolutionären
 Kadetten antibolschewistisch gebliebene Maiorität
der Utschredilka — wie die Nationalversammlung vielfach bezeichnet
 wurde —, drohte. Da entfaltete auf Veranlassung Lenins
die Parole: „Alle Macht dem werktätigen Volke und seiner Vertretung,
 den Räten“, ihre Wirksamkeit. Schon vor dem Zusammentritt
 der Nationalversammlung erließ das bolschewistische
Zentralkomitee eine Proklamation, in der betont wurde, daß die
Nationalversammlung sich auf die Seite der werktätigen Klassen
ınd ihrer Vertretung, der Räte, zu stellen habe. Die Regierung
sucht ihren Beginn hinauszuschieben. Sie soll nur zusammentreten,
wenn mindestens 400 Mitglieder in Petersburg versammelt sind,
eine Bedingung, die wegen der Verkehrsverhältnisse sehr schwer
zu erfüllen ist. Endlich, am 18. Januar, kann die Nationalversammlung
 eröffnet werden.
            
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