12. Eisenbahntarifunwesen.
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mehr zu tun infolge der zahlreichen Unglücksfälle, ebenso wie man auf die Ausstattung
der Bahnhöfe größeren Wert legt, so daß neben den zahlreich, auch in großen Städten,
vorhandenen Bahnhofsbaracken auch einige stattliche Gebäude bereits entstanden sind,
wie in New Jork, St. Louis und Philadelphia.
12. Eisenbahntarifunwesen.
Von Alfred von der Leyen.
von der Leyen, Die Finanz- und Verkehrspolitik der nordamerikanischen Eisen
bahnen. 2. Ausl. Berlin, Julius Springer, 1895. S. 121—122, S. 125—127, S. 129,
S. 130—131 und S. 135—136.
Alle Erhebungen über die Eisenbahntarifverhältnisse der Vereinigten Staaten
haben eine Lücke, die sich nicht ausfüllen läßt. Sie können sich nur erstrecken auf
die bekannten Tatsachen. Es ist aber ein offenes Geheimnis, daß für die Beför
derung im Personen- und Güterverkehr neben den veröffentlichten noch Bedingungen
gelten, die die Eisenbahnen von Fall zu Fall mit dem einzelnen Verfrachter verein
baren, und die sich der allgemeinen Kenntnis entziehen. Es ist ferner bekannt, daß
die Erträge aus der Eisenbahnbeförderung auch dadurch geschmälert werden, daß die
Eisenbahnen gezwungen sind, an eine Schar von, ich möchte sagen, Eisenbahn
schmarotzern, die sog. Agenten, einen nicht unerheblichen Tribut zu zahlen.
Diese Agenten erhalten von den Verwaltungen für die Transporte, die sie ihnen
zuweisen, vielfach gewisse Anteile an der Fracht, und es kommt ihnen nicht viel darauf
an, auf wie hoch sich die Fracht für diese von ihnen angeworbenen Güter stellt. Sie
jagen daher, ein jeder für seine Linie, dem andern rücksichtslos die Transporte ab und
sind auch selbstverständlich sehr geneigt, von den Verfrachtern dafür, daß sie ihnen die
Fracht recht billig berechnen, kleine oder große Trinkgelder anzunehmen, auf diese
Weise also ein doppeltes Geschäft zu machen.
Unter derartigen Mißständen leidet hauptsächlich und in erster Linie der an
ständige, ehrenhafte Geschäftsmann. In Chikago beispielsweise bestehen neben den
öffentlichen auch im Privateigentum befindliche Getreidespeicher. Die ersteren haben
richtige, die letzteren unrichtige Wagen, deren Gewichtsangaben gleichwohl von einigen
Eisenbahnen als richtig angenommen werden. Nun hat sich nach und nach heraus
gestellt, daß die Getreidehändler, die auf den Privatspeichern ihre Ware lagerten und
von diesen zum Versand brachten, erheblich billigere Preise stellen konnten als ihre
Mitbewerber, die sich der öffentlichen Lagerhäuser bedienten. Auf die Dauer können
letztere einen solch unehrlichen Mitbewerber nicht aushalten, sie find gleichsam genötigt,
zu denselben Mitteln zu greifen, wodurch das ganze Geschäft geradezu entsittlicht wird.
Bei einer in Chikago angestellten Untersuchung sind kaum glaubliche Tatsachen er
mittelt, Frachthinterziehungen für Gewichtsmengen von 8, 10, ja 15 Tausend Pfd. bei
einer einzigen Wagenladung berechnet worden. Ein Wagen der Chikago und North
western Eisenbahn sollte 21 600 Pfd. Kleie enthalten; die Fracht war vorausbezahlt.
Beim Übergang auf eine andere Bahn wurde er nachgewogen: das wirkliche Ge
wicht betrug nicht weniger als 45 500 Pfd., also war die Fracht für 23 900 Pfd. von
Chikago bis zur Umladestation „gespart".
Auch bei vielen anderen Frachtgegenständen, bei Vieh, Fleisch, Speck u. dgl.,
sind ähnliche Dinge vorgekommen. Besonders zahlreich sind auch die falschen Inhalts
angaben der Stückgüter. An einem einzigen Tage, dem 29. Februar 1888, wurden
auf den Bahnhöfen in Chikago und St. Louis 14 Fälle falscher Inhaltsangaben
ermittelt, indem die einer höheren Klaffe angehörigen Artikel als unter eine niedrigere