Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Carolus Bovillus. 
seinen Ausgang zu nehmen und bleibt bis in seine höchsten 
Leistungen von dieser Vermittlung abhängig. Die Bedingtheit 
durch die „Species“, die ihm an Stelle des Dinges selbst dienen 
muss, ist der Ausdruck seiner.angehorenen Unwissenheit und der 
natürlichen Untätigkeit, in der er ohne fremde Beihilfe verharren 
müsste. Dass der menschliche Verstand die Erkenntnis aus sich 
selbst und seinem eigenen Gehalt schöpfen könnte, ist unmöglich; 
er ist nichts anderes als eine blosse Potenz, der erst durch einen 
von aussen kommenden Akt vollendet und erfüllt werden 
kann.) Wenn für den „intellectus angelicus“ Sein und Wissen 
zusammenfallen und eine unmittelbare Einheit bilden, so bleiben 
sie für den „intellectus humanus“ dauernd getrennt, wenn jener 
die Begriffe als die ewigen Urbilder erfasst, die vor dem Sein der 
Dinge vorausgehen, so vermag dieser nur ein Nachbild des ge- 
gebenen Seins zu gewinnen. Die Stufenfolge der Schöpfung 
geht daher vom „englischen Verstande“ zu den konkreten Natur- 
dingen und von diesen zum menschlichen Geiste fort: in angelico 
intellecetu sunt omnia ante esse, in seipso in esse, in humano post 
esse. Und zwar besitzen die.Gegenstände im Verstande der Engel 
ein reines intellektuelles Sein, in ihrer eigenen Existenz ein sinn- 
liches und natürliches Sein, während sie im menschlichen Denken 
ein abgeleitetes, rationales Sein gewinnen.) Die Vernunftbe- 
griffe sind somit durchweg Auszüge und sekundäre Ergebnisse 
der sinnlich vorhandenen Wirklichkeit. „Jedes Objekt ist der 
Zeit nach früher, als die Erkenntniskraft, die ihm ent- 
spricht: die Welt aber, die der Ort aller Dinge ist, ist das natür- 
liche Objekt des menschlichen Verstandes. So wird die Gesamt- 
heit aller Dinge, die sich in ihr befinden, dem Verstand von Natur 
durch die Sinne bekannt gemacht, dargestellt und entgegenge- 
bracht, damit er von ihnen lerne und selbst zu ihnen werde“.%) 
Der Satz, dass Nichts im Verstande ist, was nicht zuvor in den 
Sinnen gewesen wäre, gilt somit zweifellos und unbeschränkt unter 
den Bedingungen unserer Erkenntnis, wenngleich er sich, wie 
wir sahen, in sein Gegenteil verkehrt, wenn man die absolute 
Erkenntnisweise der höheren geistigen Substanzen zu Grunde 
Jegt.%) Die Aufgabe der Erkenntnislehre ist es, den Wandel, den 
das unmittelbare Sein des Gegenstandes durch seine Aufnahme in 
den Intellekt erfährt, in seinen Einzelphasen zu verfolgen, die Um-
	        
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