Carolus Bovillus.
einmal vom Intellekt erfasst worden ist, alsbald dem Gedächtnis,
als der Vorratskammer und dem Behältnis der Bilder, zu-
geführt und muss, um wiederum zu Bewusstsein zu gelangen, aus
ilm hervorgeholt und dem Verstande dargeboten werden?!). Die
Bilder, die im Verstande auf einander folgen und sich im steten
Wechsel ablösen, erhalten erst hier festen Bestand; der Inhalt,
der dort nur als Einzelnes und mit Ausschluss jegliches anderen
erfasst werden konnte, vermag hier seine gesamte Mannigfaltig-
keit zu bewahren, ohne dass die allumfassende Einheit des Wissens.
darüber verloren ginge. Alle „Kontemplation“ und alle Selbst-
betätigung des Geistes muss daher aus dem Schatze schöpfen, der
hier ein für allemal aufgespeichert ist. Die Passivität des
menschlichen Verstandes stammt nicht sowohl aus seiner eigenen
Natur, als von diesem seinem notwendigen Zusammenhange mit
dem Gedächtnis her. Wie das Auge das Bild, das es erblickt, nicht
in sich selbst, sondern im Spiegel sieht, so bedarf der Intellekt,
in allen Erwägungen und Schlussfolgerungen, gleichsam ein von
ihm selbst verschiedenes, wenngleich ebenfalls seelisches Sub-
strat, in dem die intelligiblen Formen der Dinge aufbehalten
und dargereicht werden.'?)
Was an dieser Lehre zunächst auffällt, das ist das eigentüm-
liche und friedliche Nebeneinander eines strengen logischen Rea-
lismus und einer rein sensualistischen Psychologie des Erken-
nens. In beiden Punkten steht Bovillus in einem lehrreichen Ge-
gensatz zu Nikolaus Cusanus: während dieser vom reinen Intellekt
und seiner Eigenart ausgeht, die selbständige Existenz des Allge-
meinen aber bestreitet, muss er, dem die Wahrnehmung der letzte
und einzige Ursprung alles Wissens ist, den Begriff zu einer los-
gelösten Wesenheit umdeuten. Die Paradoxie, die hierin liegt,
löst sich, wenn man tiefer in die geschichtlichen Vorbeding-
ungen seiner Lehre eindringt. Die beiden Momente, die zu-
nächst als gegensätzlich erscheinen, erweisen sich sodann als
korrelative und zusammengehörige Teilausdrücke derselben phi-
losophischen Grundansicht. Es ist der Widerspruch im Aristo-
telischen Substanzbegriff, der hier in besonders deutlicher
Weise zu Tage tritt. Wenn auf der einen Seite das Einzel-
ding die wahre Substanz bedeutet, wenn somit der Sinn,
der das Wirkliche in seiner durchgängigen Bestimmtheit erfasst,