Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Widerspruch im Aristotelischen Formbegriff. 
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uns zugleich sein vollständiges letztes Sein zu enthüllen scheint, 
so wird auf der anderen Seite der Erkenntnis die Aufgabe gestellt, 
von den mannigfachen zufälligen Bestimmungen und Accidentien, 
mit denen die Wahrnehmung behaftet bleibt, abzusehen, um zu 
den „reinen allgemeinen Formen“ als der inneren substantiellen 
Wesenheit der Dinge vorzudringen (vgl. ob. S. 46 f.). Der Species- 
begriff, der aus dem Aristotelischen Formbegriff fliesst, ist daher 
von Anfang an mit einer inneren Zweideutigkeit behaftet, die die 
endlosen und verwickelten logischen Kämpfe der Scholastik er- 
klärt.) Der neueren Zeit ist das Allgemeine nicht ein Gegen- 
ständliches und Aeusseres, sondern eine ursprüngliche Leistung 
und ein notwendiges Produkt des Intellekts. Man begreift es, dass 
Nikolaus Cusanus unter diesem Gesichtspunkt selbst den Ausdruck 
des „Prinzips“, der ebensowohl den Anfang des Seins, wie den 
des Erkennens bedeuten kann, zurechtrückt: mathematicalia et 
aumeri, qui ex nostra mente procedunt et sunt modo, quo nos 
concipimus, non sunt substantiae aut principia rerum sensibilium 
. . sed tantum. entium rationis, quorum nos sumus conditores. **) 
(Vgl. ob. S. 66.) Liegt hierin eine Einschränkung der Bedeutung 
der reinen Begriffe, so ist doch andererseits dies erreicht, dass die 
Bürgschaft und die Verantwortung für sie dem menschlichen 
Denken zugewiesen wird, während sie im System des Bovillus 
im — „Verstande der Engel“ gesucht werden muss. 
Wenn somit die allgemeine Grundlegung der Erkenntnis 
hier noch überall auf mittelalterliche Vorbilder zurückgeht, so 
zeigt doch die Durchführung an einzelnen Stellen charakte- 
ristische neue Züge, die das herkömmliche Schema durchbrechen 
und die Nachwirkung der Cusanischen Gedanken bekunden. Wäh- 
rend es zunächst als der ursprüngliche innereMangel des mensch- 
lichen Intellekts erscheint, dass er sich den Wesenheiten, die den 
höheren geistigen Naturen als fertiger und unbeweglicher Besitz 
gegeben sind, nur allmählich und vermöge einer fortschreitenden 
Bewegung des Denkens anzunähern vermag, so wandelt sich 
allmählich die Schätzung und Wertbetrachtung. Das Werden 
des Geistes, die Tätigkeit, durch welche er die „Formen“, die er 
potentiell in sich trägt, in die Wirklichkeit des Gedankens über- 
führt, gilt jetzt als.die auszeichnende Eigentümlichkeit, die ihn — 
äber alle anderen Mittel- und Zwischenstufen hinweg — unmittel-
	        
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