Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. 93
sem Gesichtspunkt erschaffen; auch die exakte wissenschaftliche
Forschung kann sich nicht herausbilden und konstituieren, ohne
mit jedem einzelnen Schritte mittelbar zugleich in die Fragen, die
hier verborgen liegen, einzugreifen. Der Aufbau von Galileis und
Keplers Wissenschaft wird im Einzelnen erst verständlich, wenn
man ihn innerhalb dieser geschichtlichen Gesamtbewegung be-
trachtet. Blickt man auf diese grossen Zusammenhänge voraus,
So muss die erste Einführung der Platonischen Philosophie im
Abendlande, so muss ihr Beginn dürftig und kümmerlich er-
scheinen. Die eigentliche Grundfrage des Platonismus ist hier
noch nicht Jebendig geworden: die Betrachtung verweilt bei dem
Aussenwerk und bei den schimmernden Hüllen, mit denen Neu-
platonismus und Mittelalter den Kern und Gehalt der Ideenlehre
umwoben hatten. Selbst im Streit gegen das mittelalterliche
System bleibt somit die Abhängigkeit von ihm noch deutlich er-
kennbar. In der Tat handelt es sich jetzt noch nicht darum, sich
Platon in seiner ursprünglichen und wahrhaften Gestalt anzu-
eignen: bevor dies geschehen konnte, musste erst ein vorberei-
tender Schritt getan und diejenigen Elemente des Platonismus,
die in die christliche Lehre eingegangen und mit ihr verschmolzen
waren, herausgelöst und in ihrem Eigenwert begriffen werden.
Unter diesem Gesichtspunkte lassen sich die philosophischen Ziele
und Bewegungen des Quattrocento einheitlich verstehen und zu-
sammenfassen. Wenn Marsilius Ficinus, in voller subjektiver
Aufrichtigkeit, seine Aufgabe darin sicht, die Lehre Platons mit
der geoffenbarten Religion zu einigen und zu versöhnen, so ge-
schieht es, weil er die Religion selbst nur noch im Lichte des
Platonismus zu erblicken, weil er in ihr nichts anderes als die
Logos-Lehre zu sehen vermag. Das Christentum vermochte sich,
in den ersten Jahrhunderten seiner Entwicklung, nicht anders
zum theoretischen System zu gestalten und zu verdichten, als
indem es diese Grumdlehre der griechischen Spekulation in sich
aufnahm. Damit aber waren die antike Philosophie und Wissen-
schaft in ihm selbst mittelbar anerkannt, wenngleich sie nur
als Mittel zur Deutung der Offenbarungslehre gebraucht und ge-
duldet wurden. Der erste Schritt der neueren Zeit besteht darin,
diese Schranke aufzuheben; die Lehre vom „Logos“ nicht nur
als Instrument der Theologie zu verwenden, sondern sie ihrem