Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Humanismus,

erschliesst. Auch die aesthetische Auffassung und Erhöhung der
Wirklichkeit führt zum selben Ziel: die Beseelung der Natur
durch die Kunst bleibt doch von allen sentimentalen und romantischen
 Zügen, von aller direkten Hineindeutung individueller
Stimmungen und Empfindungen in das unmittelbare Weltbild frei.
Es ist im Gegenteil die reine objektive Erfassung und Betrachtung
der Wirklichkeit, die dadurch ermöglicht und gefördert wird. Leonardo
 da Vinci ist das Vorbild und der Meister dieses reinen
gegenständlichen Denkens und Anschauens, das alle Gebiete des
Geistes gleichmässig umfasst und durchdringt. Dass aus dieser
Hinwendung auf das Objektive, aus diesem Aufgehen im Naturgegenstand,
 auch philosophische Fragen und Schwierigkeiten entstehen,
 lässt sich begreifen. In der Naturphilosophie der Renaissance
 gelangt der Begriff des Bewusstseins noch nicht zu
reiner Entdeckung und Heraushebung. Das Ich und seine Funktion
 kann auf dieser Stufe nur wie ein besonderer Gegenstand
gedacht und beschrieben werden: es ist in das objektive Dasein
aufgelöst und in ihm gleichsam erloschen. Dennoch bezeichnet
eben diese vorläufige Schranke die Richtung, die der Gedanke von
nun ab einzuhalten hat. Was Cusanus systematisch gefordert hatte:
die Zurückziehung und Rückgewinnung des „reinen Intellekts“ aus
dem Stoffe der sinnlichen Eindrücke selbst: das bildet nunmehr
auch die historische Aufgabe. Aus diesem Zusammenhang mit den
Zielen der empirischen Forschung gewinnt der neue Ichbegriff
seinen Halt und das Korrelat, das ihn vom Mittelalter und von der
Mystik scheidet. —

Die Erneuerung der Platonischen Philosophie.
Den Kampf zwischen Platon und Aristoteles nach seinem ganzen
 Umfang und nach der ganzen Tiefe der begrifflichen Gegensätze
schildern, heisst die Geschichte des modernen Denkens schreiben.
Bis weit in die originalsten Leistungen der neueren Philosophie
hinein bleibt dieser Widerstreit bestimmend und herrschend. Und
nicht nur die grossen philosophischen Systeme werden unter die-
            
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