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104 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus,
und in jedem Sinne Unbekannte vermöchten wir nicht zu be-
gehren. Es ist der Grundgedanke des Platonischen Menon, an
den Ficinus, wie vor ihm Cusa, hier anknüpft und der uns fortan
in mannigfachen geschichtlichen Abwandlungen begleiten wird.
(Vergl. ob. S. 73 f.) Kein Wissen kann dem Individuum von aussen
aufgedrängt und eingesetzt werden; es muss aus seiner eigenen
Natur erweckt und erworbeu werden: „qui docet minister est
potius quam magister“. Da die menschliche Gattung in allem
ein und dieselbe und das Wesen des Geistes überall gleich ist,
so ist die Zustimmung zu bestimmten Wahrheiten notwendig und
allgemein. Die Prüfung und die Annahme jeglicher wissenschaft-
licher Einsicht aber kann nur erfolgen, wenn die Regel der
Wahrheit von innen her vorausleuchtet und den Weg weist.
Für den Gedankenkreis und die Stimmung, aus der die Floren-
tinische Akademie erwachsen ist, ist es hierbei bezeichnend, dass
Ficinus die Bürgschaft für den universalen und objektiven Wert
der „Ideen“ vor allem im Gebiete der Kunst findet. Hier offen-
bart sich am reinsten die unverbrüchliche geistige Einheit der
Menschennatur. „Jeglicher Geist lobt die runde Gestalt, sobald er
sie zum ersten Male erblickt und ohne den Grund dieses Urteils
zu kennen. Jeder schätzt eine bestimmte Angemessenheit und
Proportion im Bau des menschlichen Leibes, oder den Einklang
in den Zahlen und Tönen. Er nennt eine bestimmte Gebärde
und Haltung schön und würdig, er preist das Licht der Weisheit
und die Anschauung der Wahrheit. Wenn nun jeder Geist dies
alles immer und überall sogleich annimmt und gutheisst, ohne zu
wissen, warum —, so bleibt nur übrig, dass er hierin kraft eines
notwendigen und durchaus natürlichen Instinktes handelt“.18)
Diese Sätze Ficins enthalten den Keim für eine neue geschicht-
liche Form des Platonismus, die uns in reiferer und tieferer Be-
gründung bei Kepler enigegentreten wird.
Werden indes bis hierher die Grundgedanken der Ideen-
lehre zwar vorzugsweise unter psychologischen Gesichtspunk-
len entwickelt, aber doch rein und unvermischt wiedergegeben,
so vermag Ficin diese Scheidung nicht bis zu Ende durchzu-
führen. Wieder sind es Neuplatonische Motive — diesmal in der
Fassung, die sie durch Augustins Erkenntnislehre und Meta-
physik erhalten haben —, die zuletzt die Vorherrschaft erlangen.