Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

106 Die Erneuerung der Platonischen Philosophie. — Marsilius Ficinus.

und herauszuschälen. Der reine Begriff der Zahl, die numeri
judiciales, die auf dem Grunde unseres Bewusstseins ruhen, ermöglichen
 es erst, die Harmonie innerhalb der Sinnendinge zu erfassen
 und zu beurteilen. Die Gleichheit der Töne und Intervalle,
die uns durch die Empfindung nirgends exakt und beständig
gegeben ist, sondern in ihr nur schattenhaft und flüchtig auftritt,
vermöchten wir nicht zu erkennen und seelisch zu ergänzen,
wäre sie uns nicht von andersher bekannt. Wahrhafte Gleichheit
 findet sich nicht in den Abständen des Raumes oder der Zeit,
noch in den Formen der empirischen Körper; sie ist eine gedankliche
 Norm, die wir an den Stoff der Wahrnehmung heranbringen.
Da aber diese Norm unveränderlich und ewig ist, so kann ihr
Ursprung nirgends anders als in dem ewigen und unvergänglichen
Wesen der Gottheit gesucht werden; die begriffliche Reflexion
und Selbstbesinnung, die der Lösung jedes Problems vorangehen
muss, ist daher eine innerliche Hinwendung zu Gott, in dem wir
das Eine, wandellose Wahre erschauen und begreifen.?)
Zwei Grundmotive sind es somit, die sich in Ficins Lehre
durchdringen und einander entgegenwirken. Der Ausblick auf das
Intelligible bedeutet ihm, wie der gesamten Renaissance, zugleich
die Erhöhung und Wertschätzung des empirischen Seins. Die
Stimmung des Florentiner Platonischen Kreises, wie sie sich in
den Hymnen des Lorenzo Magnifico ausspricht, ist auch in ihm
lebendig. „Während die Menschen des Mittelalters die Welt ansehen
 als ein Jammerthal, welches Papst und Kaiser hüten müssen
bis zum Auftreten des Antichrist, während die Fatalisten der Renaissance
 abwechseln zwischen Zeiten der Energie und Zeiten der
dumpfen Resignation oder des Aberglaubens, erhebt sich hier im
Kreise auserwählter Geister die Idee, dass die sichtbare Welt von
Gott aus Liebe geschaffen, dass sie ein Abbild des in ihm praeexistierenden
 Vorbildes sei, und dass er ihr dauernder Beweger
und Fortschöpfer bleiben werde. Die Seele des Einzelnen kann
zunächst durch das Erkennen Gottes ihn in ihre engen Schranken
 zusammenziehen, aber auch durch Liebe zu ihm sich ins
Unendliche ausdehnen, und dies ist dann die Seligkeit auf Erden“
(Burckhardt). So bedeutet denn auch für Ficin die Verbindung
der Seele mit dem Körper und der Sinnenwelt nicht schlechthin
einen Abfall von ihrer ursprünglichen und höheren Natur. son-
            
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