Immanenz und iransscendenz
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dern er sucht sie in ihrem Wert und in ihrer Notwendigkeit zu
begreifen. Verharrte der Geist in seiner eigenen unberührbaren
Wesenheit, so wäre ihm damit die Anschauung und die Erkennt-
nis des Einzelnen versagt. Der abstrakte Allgemeinbegriff allein
würde ihn ausfüllen, während die Schönheit und Mannigfaltig-
keit der besonderen Gestalten und Formen sich ihm für immer
entzöge. Hier aber liegt für den Menschen der Sinn und die Be-
deutung seines empirischen Daseins: „am farbigen Abglanz haben
wir das Leben.“ Ein modernes Grundgefühl spricht sich hier in
Begriffen und Formen der überlieferten astronomischen Weltan-
sicht aus. Die Erde ist kein niederer und verächtlicher Wohn-
sitz; sie ist der mittlere Chor des göttlichen Tempels und das feste
Fundament, um das alle himmlischen Sphären wie um ihren
Angelpunkt kreisen. Die Bewegtheit und Wandelbarkeit des irdi-
schen Seins ist kein innerer Mangel, sondern wir besitzen in ihrdas
notwendige Gegenbild, an dem wir die Ruhe und den Frieden in
Gott erst empfinden und geniessen lernen. „Vielleicht hat Gott
selbst bestimmt, dass die göttlichen Freuden den Geistern von
höherem Range von selbst zufallen, während die niederen sie mit
Mühe zu erringen haben; dass die einen von Geburt an der
Seligkeit teilhaft werden, während die anderen sie erst im Leben
erwerben müssen. So hat er verhütet, dass die höheren Geister
sich überheben und dass die niederen sich verachten, da jene die
Glückseligkeit von aussen empfangen, diese dagegen die Schöpfer
ihrer Glückseligkeit sind‘“.®) Die Unvollkommenheit des In-
dividuums selbst wird somit zum Zeugnis seines unvergleichlichen
Wertes und seiner ewigen Bestimmung. Trotz allen diesen cha-
rakteristischen und wichtigen Ansätzen aber ist es Ficin nicht
gelungen, den Gedanken der Transscendenz völlig zu bewältigen
und aufzulösen. Ja dieser Gedanke bleibt im Ganzen des Systems
zuletzt dennoch das vorherrschende Ideal. Dionysius Areopa-
gita wird der Verkünder und Gewährsmann der echten Platoni-
schen Philosophie, weil er uns gelehrt hat, das göttliche Licht nicht
durch verstandesmässige Tätigkeit, sondern kraft des Affekts und
Willens, als über jegliches Sein und Wissen erhaben, zu suchen.
„Ueberfliege nicht nur die Sınnendinge, sondern auch die intelli-
giblen Objekte, verlasse das Gebiet des Verstandes und erhebe
Dich — vermöge der Liebe zu dem einzigen und höchsten Gut