Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Uebergang zum modernen Begriff des Bewusstseins. 109 
und unverrückbarer Bestand galten, wird auf die gedanklichen 
Motive zurückgegangen; der feste geschlossene Bau des Ganzen 
wird zerschlagen und an seine Stelle tritt die dialektische Bewegung 
und die Wiederherstellung des Denkprozesses, in dem die ein- 
zelnen Grundsätze erreicht wurden. Schon der Gegensatz der Aus- 
legungen, der Streit zwischen „Alexandristen“ und „Averroisten“, 
dient dieser selbständigen und freieren Form der Aneignung. 
Für die neue Richtung, die damit eingeschlagen wird aber ist 
es vor allem bezeichnend, dass die Grundfragen der Aristotelischen 
Psychologie und Erkenntnislehre es sind, die jetzt in den 
Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Das Mittelalter wird, ab- 
gesehen von den logischen Streitigkeiten, vor allem durch die 
Aristotelische Metaphysik und Physik beherrscht und bestimmt: 
der Aufbau des Kosmos und sein Zusammenhang mit dem „un- 
bewegten Beweger“ ist es, der sein Interesse fesselt. Alle diese 
Fragen treten jetzt völlig zurück: einzig und allein der Begriff und 
das Problem der Seele entscheidet nun über die Richtung und 
Parteistellung innerhalb der Peripatetischen Philosophie. Unver- 
merkt wird damit die Untersuchung auf ein neues Gebiet und ein 
neues Ziel hingelenkt: die dialektische Zergliederung des 
Aristotelischen Seelenbegriffs wird zu einem Faktor in 
der Entstehung des modernen Bewusstseinsbegriffs. 
Die Psychologie des Aristoteles wird ıhren entscheidenden 
und wesentlichen Hauptzügen nach durch die Voraussetzungen 
seiner sensualistischen Erkenntnislehre bestimmt. ?®) Wie das 
wahrhafte Sein im Einzeldinge gesucht wird, so gilt die Wahr- 
nehmung, die dieses konkrete Dasein unmittelbar erschliesst, als 
der ursprüngliche Zeuge jeglicher Gewissheit. Die Entwicklung zu 
den höheren Formen des Denkens vollzieht sich nur in der fort- 
schreitenden Umbildung des Stoffes, der hier gegeben ist. Auch 
die höchsten Betätigungen und Leistungen des Denkens bleiben 
an diesen Anfang, der in der Empfindung und „Vorstellung“ liegt, 
gebunden und auf ihn eingeschränkt. Von der alod-noıg ZUF S6ka, 
von ihr zur gavtacla und zum vobe führt ein stetiger, nirgends 
unterbrochener Stufengang, in dem jedes höhere Element nur 
erfüllt und vollendet, was im niederen bereits der Möglichkeit 
nach enthalten und angelegt war. So erwächst innerhalb dieser 
Gesamtauffassung der Begriff aus der Verbindung und Zusammen-
	        
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