Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Einheit der Seele. 
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gemeinsam ist. Es ist bezeichnend, dass selbst Dante an diesem 
Problem seinem grossen Meister entgegentritt und dass er gegen 
Aristoteles die Einheit der Seele in aller Verschiedenartigkeit 
ihrer Betätigungen ausdrücklich hervorhebt. Es ist vergeblich, das 
Ich aus heterogenen Bestandteilen und Wesenheiten zusam men- 
setzen zu wollen, da in ihm vielmehr jener erste Quell- und 
Ursprungspunkt liegt, aus dem alle Verschiedenheit erst nach- 
träglich sich entfaltet. Zwar hat sich auch Pomponazzi dem all- 
gemeinen Glauben der Zeit an die Existenz gesonderter und reiner 
Intelligenzen, wie sie den himmlischen Sphären als Beweger bei- 
gesellt sind, nicht entziehen können: aber er hat daran fesige- 
halten, dass sie für die Begriffsbestimmung der menschlichen 
Seele und der menschlichen Erkenntnis nicht in Betracht 
kommen und dass es hier vielmehr die festen und zweifellosen 
Daten des Bewusstseins sind. von denen allein wir auszugehen 
haben. — 
Ist somit der Satz des Aristoteles, dass alle unsere Erkennt- 
nis sich in sinnlichen Vorstellungen bewegt oder doch nicht ohne 
sie zu bestehen vermag, seinem ganzen Umfange nach gültig, so 
muss, um die Grenzscheide zwischen Stoff und Form, zwischen 
dem „Materiellen“ und „Intelligiblen“ zu wahren, ein anderer Ge- 
sichtspunkt eintreten. Die sinnliche Wahrnehmung vollzieht sich 
mit Hilfe eines materiellen Organs, das von den Objekten eine 
stoffliche Einwirkung erfährt. Die Gegenstände werden hier gleich- 
sam in das physische Sein des Ich aufgenommen; der Wandel 
ihrer Bestimmungen wird in körperliche Veränderungen umge- 
setzt. Von dieser unmittelbaren Entsprechung und Bindung 
ist die Leistung des reinen Verstandes frei. Der Intellekt ist auf 
die Materie bezogen, aber er besitzt selbst kein stoffliches 
Sein, kein Organ, in dem sich die Dinge abdrücken und abbil- 
den könnten. Er bedarf des Körpers — wie Pomponazzi dies Ver- 
hältnis in der Sprache der Schule ausdrückt — als Objekt, nicht 
als Subjekt: er fordert die sinnliche Vorstellung als den Gegen- 
stand, auf den seine Tätigkeit sich richtet, als den Vorwurf, 
der ihm zur Bestimmung und Auflösung gegeben ist, aber er 
braucht kein sinnlich-dingliches Substrat, das seine Wirksamkeit 
erst ermöglichte. So hat der menschliche Verstand seinen Platz 
zwischen den „abstrakten“ Intelligenzen und den Tieren, deren 
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