L1L6 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Pietro Pomponazzi.
Erkenntnis in den sinnlichen Fähigkeiten aufgeht. Die bloss sen-
sitive Seele ist an sich nichts anderes als die Form des physischen
und organischen Körpers, da sie ihre Funktion nur in einem
körperlichen Organ auszuüben vermag und somit den Körper
sowohl als Subjekt, als substantielle Grundlage, wie als Objekt
braucht: die reinen Formen dagegen, wie wir sie als Beweger
der Sternenwelt denken, sind jeglicher Abhängigkeit von der
Materie entrückt, da sie zwar ihrerseits auf die Körper einwirken,
von diesen aber keinerlei Einfluss und keine Einschränkung ihrer
Tätigkeit erfahren. Erst der menschliche Intellekt, als der
Mittler zwischen diesen beiden Arten und Reichen der Wirk-
lichkeit, gestaltet das All zu einem continuierlichen, in sich ein-
helligen Ganzen. Er bildet den Uebergang vom abstrakten zum
sinnlichen Sein, sofern er dauernd dem Stoff der Wahrnehmungen
zugewendet bleibt, ohne doch in ihm unterzutauchen und sich
völlig in ihm zu verlieren.®) Die Materie bildet für ihn zwar die
negative Bedingung, ohne welche er seine Wirksamkeit nicht
entfalten könnte, aber sie ist nicht der eigentliche, positive und
reale Grund, aus dem seine Leistung stammt.%) Besässe der
Intellekt kein Vermögen, das aus ihm selbst und seiner unab-
hängigen Wesenheit hervorginge, so müssten sich alle Akte des
Verstandes rein auf quaniitative und körperliche Weise (modo
quantitativo et corporali) vollziehen: d. h. es müsste alsdann
jegliches Sein in seiner bestimmten, konkreten Natur, in seiner
stofflichen, extensiven Grösse in die „Seele“ übergehen und in
ihr einen gleicharligen, propcrtionalen Eindruck hinterlassen.
Damit aber wäre die Erkenntnis auf die Aufnahme und regi-
strierende Wiedergabe der besonderen Gegenstände und der
besonderen Fälle eingeschränkt, ohne sich jemals zu echten
allgemeinen Begriffen und zum reflexiven Bewusstsein ihrer
selbst erheben zu können.®) Somit dürfen wir den menschlichen
Verstand zugleich als stofflich und unstofflich bezeichnen:
als stofflich, solern wir nur seine Existenz ins Auge fassen,
die immer nur in Verbindung mit dem Körper möglich ist, als
unstofflich dagegen, sofern wir damit den Wert und die Eigen-
art seiner Funktion gegenüber der Sinnlichkeit zum Ausdruck
bringen wollen. Das Aristotelische Wort, dass die aktive Denk-
kraft von aussen her in die Seele eingeht, wird von Pomponazzi