118 Die Reform der Aristotelischen Psychologie. — Pietro Pomponazzi.
der Zeit nach mit dem Einzelnen unlöslich verknüpft, geht ihm
jedoch der „Natur“, d. h. dem logischen Abhängigkeitsverhältnis
nach, voran.®) Der Weg der Erkenntnis vollzieht sich nicht in
einfachem, geradlinigem Fortschritt, sondern besteht in einer
Rückkehr und Umwendung. Wir müssen, nachdem wir vom
besonderen Fall zum Begriff aufgestiegen sind, den Begriff selbst
wiederum im Einzelfall anschauen.?) In dieser Auffassung der
Universalien liegt der Keim zu einem wichtigen Fortschritt der
logischen Methodenlehre, der sich bei Pomponazzis Nachfolger,
bei Giacomo Zabarella, vollzogen hat. (S. unt. No. III.)
Zu voller Schärfe und Deutlichkeit aber gelangt der Grund-
gedanke von Pomponazzis Werk erst in den ethischen Schluss-
folgerungen, zu denen es hinleitet. Die sittliche Vernunft erst
bildet das eigentliche Vorrecht und die auszeichnende Eigentüm-
lichkeit des Menschen, während der spekulative Verstand, wie
der Trieb zu technisch-praktischer Tätigkeit einen gemeinsamen
Zug ausmachen, den wir mit den anderen Intelligenzen höherer
oder niederer Art teilen. Mit der Aufhebung der Unsterblichkeit
nun scheint das sittliche Leben selbst seinen Halt und Mittelpunkt
zu verlieren; mit der Beseitigung des jenseitigen Zieles scheint
alle Zweckbestimmung überhaupt entwurzelt zu sein. Noch die
philosophische Renaissance des Platonismus stand in der Tat unter
dem Banne dieses Gedankens. Wäre die Seele sterblich — so
hatte die Platonische Theologie Ficins gleich von Anfang an ar-
gumentiert —, so gäbe es kein unglücklicheres Geschöpf als den
Menschen, so wäre der Wert unseres empirischen Daseins ver-
nichtet. Für Pomponazzis sittliche Grundanschauung dagegen
steht es fest, dass sich die echte Ethik darin bewähren muss,
dass sie den Zweck des Lebens in diesem selbst zu finden lehrt.
Die Idee der unbegrenzten Fortdauer des Individuums wird durch
die Idee des stetigen Fortschritts und der Höherbildung der
Menschheit abgelöst. In diesem Sinne ist Pomponazzis Lehre
die echte Frucht der humanistischen Welt- und Geschichtsansicht.
Das gesamte Menschengeschlecht ist einem einzigen Individuum
zu vergleichen, in dem alle Bestandteile und Organe sich dem
Einen Zwecke der Erhaltung und des Fortschritts des Ganzen
unterordnen. Wie hier das gemeinsame Ziel dem Wachstum
der einzelnen Glieder bestimmte festumschriebene Grenzen setzt.