Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das Absolute und der „tätige Verstand“. 
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die Selbständigkeit und Freiheit des Denkens so zu bestimmen, 
dass darüber die Einheit des Ich und des Menschen nicht ver- 
loren geht: deutlicher noch spricht er aus, dass der Intellekt hin- 
sichtlich seiner begrifflichen Leistung, nicht hinsichtlich seines 
konkreten Seins als „rein und unvermischt“ zu bezeichnen ist. 
Die volle immanente Begrenzung des Denkens und seiner Tätig- 
keiten indes wird auch bei ihm nicht erreicht: auch bei ihm 
ist es im letzten Grunde der absolute „göttliche Geist“, der die 
„Phantasmen“, der unsere sinnlichen Vorstellungsbilder durch- 
leuchten und erhellen muss, damit sie sich zu den reinen wahr- 
haften Begriffen entwickeln. Die Vorstellung würde, sich selbst 
und ihrer eigenen Natur überlassen, stets beim Einzelnen ver- 
harren: es bedarf einer äusseren jenseitigen Mitwirkung, um den 
Geist zur Erfassung des Allgemeinen zu befähigen und zu erheben. 
Nur soll das „Absolute“ nicht mehr, wie bisher, als unmittelbare 
Triebkraft in den Mechanismus des seelischen Geschehens ein- 
greifen, sondern als ein ideeller Zielpunkt gedacht werden, den 
sich das Denken vorhält und der der Entwicklung seiner eigenen 
Kräfte die Richtung gibt. Nicht als tatsächliche bewegende Ur- 
sache, sondern als vorgestecktes und vorgesetztes Ziel, nicht 
durch sein „substantielles“, sondern durch sein „vorgestelltes“ 
Sein wirkt der reine aktive Intellekt auf die Entfaltung und 
Klärung des Bewusstseins ein: „intellectus activus est agens ut 
intelligibilis et agit ad modum objecti“. Es ist der „passive“, der 
menschliche Intellekt, der, indem er die sinnlichen Eindrücke 
und Spezies beurteilt, den Akt der Erkenntnis hervorbringt; 
aber er vermöchte diese Leistung nicht zu vollziehen, wenn er 
in ihr nicht über seine eigenen Grenzen hinausblickte.#) So 
zeigt sich auch hier das charakteristische Doppelmotiv, das der 
gesamten gedanklichen Bewegung, die wir verfolgt haben, zu 
Grunde liegt: das „Absolute“ kann nicht völlig entbehrt werden, 
aber es wird als eine Forderung verstanden, die der Geist selbst 
sich vorhält, so dass es nunmehr gleichsam in die Substanz des 
Bewusstseins verschmolzen und umgewandelt wird. —
	        
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