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Die Auflösung der scholastischen Logik.
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Die Auflösung der scholastischen Logik.
Wenn man die Fülle der mittelalterlichen logischen Lite-
ratur überblickt, wenn man sieht, wie noch im 1öten und 16ten
Jahrhundert — nach der Darstellung und dem Urteil Prantls —
eine erschreckend ausgedehnte und umfangreiche Nachblüte der
scholastischen Logik sich entwickelte, so könnte, was die neue
Gedankenrichtung, was insbesondere der Humanismus an logi-
schen Leistungen hervorgebracht hat, dagegen als kümmerlich
und geringfügig erscheinen. In der Tat handelt es sich in dem
Kampfe gegen das Mittelalter, wie er hier zunächst geführt wird,
nicht sowohl um eine tiefere sachliche Neugestaltung der Prin-
zipienlehre, als um eine Kritik des Schulbetriebes, die von äusser-
lichen Umständen ausgeht und sich insbesondere gegen die herr-
schende sprachliche Verwilderung kehrt. Nachdem Petrarca
auch in diesem Punkte vorangegangen war und die Waffen ge-
schmiedet hatte, wird der Kampf des modernen Grammatikers
gegen die Barbareien der schulmässigen Dialektik zu einer be-
ständigen und integrierenden Aufgabe der humanistischen Er-
neuerung der Wissenschaft. Pico von Mirandola, der in einem
Briefe an Ermolao Barbaro die Sache der scholastischen „Philo-
sophie“, der er selbst noch sechs Jahre angehört hatte, gegen die
Vorwürfe der Rhetoren zu verteidigen unternimmt, endigt dennoch
mit dem bezeichnenden Zugeständnis, dass sich die aesthetischen
Forderungen des Ausdrucks von denen, die aus der Sache selbst
fliessen, nicht trennen lassen. Nicht Wohlredenheit, wohl aber
Klarheit und sprachliche Richtigkeit sind es, die der Gedanke
von sich selbst aus fordern muss: „non exigo a vobis orationem
comptam, sed nolo sordidam; nolo unguentatam, sed nec hircosam;
non sit lecta, nec neglecta, non quaerimus ut delectet, sed que-
rimur quod offendat‘“.*) Aus solchen Wendungen, in denen ein
neuer Stil sich zugleich betätigt und behauptet, spricht dennoch
kein lediglich literarisches Interesse. Die Sprache und die
Terminologie des Mittelalters ist keine bloss zufällige und äussere
Hülle des Gedankens, sondern sie birgt in ihrer Entwicklung die-
selben Motive in sich, durch die auch die Ausbildung der logi-
schen Lehren beherrscht wurde, Die Scholastik bewährte, trotz