Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

124 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Lodovico Vives. 
gung und Befreiung, die er geniesst und die ihm das treibende 
Motiv ist. Hierin ist Valla der echte und typische Vertreter des 
humanistischen Lebens- und Selbstgefühls, das sich in gleicher 
Intensität wie bei ihm nur noch bei Erasmus findet, bei dem 
es zwar im Ausdruck reifer und gemässigter geworden ist, bei 
dem es indes auch weniger naiv und ungebunden hervortritt. So 
liegt auch dem Kampf gegen die Dialektik zunächst ein subjek- 
tiver Affekt zugrunde, den man in der rhetorischen Behandlungs- 
weise des Stoffes noch überall deutlich hindurchfühlt. Es ist die 
Ueberlegenheit des neuen persönlichen Bildungsideals über 
die abstrakte Schulgelehrsamkeit, die hier zum erstenmal zum 
Ausdruck drängt. Die Rhetorik, die den Einsatz der gesamten 
Persönlichkeit des Redners fordert, die stets auf den konkreten 
Menschen wirken will und daher die genaue psychologische Kennt- 
nis der Totalität aller seiner Lebensäusserungen voraussetzt, steht 
höher als die trockene, schematische Zergliederung des Wissens- 
stoffes, die die Dialektik vollzieht. Diese begriffliche Zerlegung 
kann immer nur als Vorbereitung und als Hilfsmittel der echten 
„Ueberzeugungskunst“ gelten, die allein der Redner entfaltet. Da- 
her denn auch die Logik so einfach ist, dass man sie in eben- 
soviel Monaten erlernen kann, als man zur Sprachwissenschaft 
und Beredtsamkeit Jahre braucht.“) Wenn daher Valla Quintilian 
über Cicero stellt und aus ihm fast seine gesamte Lehre von der 
Beweisführung entlehnt, so geschicht das mit der paradoxen Be- 
gründung, dass Cicero den Wert der Rhetorik gegenüber der Phi- 
losophie — unterschätzt habe. Die Philosophie ist der gemeine 
Soldat oder Tribun, der unter der Herrschaft und dem Oberbefehl 
der Rede steht. „Ich wünschte daher, dass M. Tullius sich nicht 
als Philosophen, sondern als Redner gegeben hätte; er hätte als- 
dann alles rhetorische Handwerkszeug kühn zurückgefordert — 
denn alles, was die Philosophie sich in dieser Hinsicht anmasst, 
gehört in Wahrheit uns — und hätte, wäre es ihm verweigert 
worden, das Schwert, das er als Befehlshaber von der Königin Rede 
erhalten, gegen die philosophischen Freibeuter gezückt, um sie 
nach Gebühr zu züchtigen. Denn wieviel klarer, gewichtiger und 
erhabener werden doch alle Gegenstände von den Rednern, als 
von verworrenen, blutlosen und trockenen Dialektikern be- 
handelt!“ 16) Diese Worte, die Antonio Panormita in Vallas Dia-
	        
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