128 Die Auflösung der scholastischen Logik, — Lodovico Vives,
Ein zweiter fundamentaler Einwand betrifft die Begründung,
die Aristoteles von den „letzten Prinzipien“, die aller Beweis-
führung zu Grunde liegen sollen, gegeben hatte. Die Behauptung
solcher unbedingten und unmittelbaren Begriffe und Urteile wird
bei ihm rein dogmatisch und ohne den Versuch einer näheren
Rechtfertigung. eingeführt: weil es ein Ende des Beweises geben
muss, darum müssen bestimmte axiomatische Grundlagen
(dpesa) angenommen und geglaubt werden. Was aber versichert
uns, dass der psychologische Schein der „Evidenz“ uns
auch über die sachlich letzten und ursprünglichsten Bezie-
hungen aufklärt; was verschafft diesem individuellen Kenn-
zeichen der Gewissheit allgemeine und notwendige Geltung für
alle Subjekte? Will man sich hier auf die Uebereinstimmung
aller Denkenden, auf den „gesunden Menschenverstand“ als Richt-
schnur berufen, so kann die tägliche Erfahrung uns über die
Veränderlichkeit und Relativität dieses Maasses belehren: denn
jedes Individuum und jedes Zeitalter besitzt andere Grundsätze,
die ihm die ersten und unableitbaren heissen. So wird alle Be-
weisführung, wenn sie sich auf diesem Boden erheben soll, zur
variablen Norm, die sich dem Gebäude, das mit ihrer Hilfe er-
richtet werden soll, anbequemen muss, statt dass sie dieses der
eigenen Regel unterwürfe und anpasste.*®) Wenn Aristoteles
ferner, um die Art zu erklären, in der wir zu den letzten Prin-
zipien gelangen, auf die Induktion verwiesen hat, so liegt auch
hier der Zirkelschluss deutlich zu Tage: denn welche Induktion
vermöchte uns der Allheit der Fälle und damit der Notwen-
digkeit des Schlusssatzes zu vergewissern? In der empirischen
Betrachtung des Einzelnen, das als eine unendliche Mannig-
faltigkeit vor uns ausgebreitet ist, gibt es nirgends einen festen
endgültigen Abschluss, gibt es somit keine unaufhebliche Ge-
wissheit, wie die wahrhaft unbedingten Grundsätze sie fordern.
Scheinbare und relative Allgemeinheiten aber vermögen hier
nicht zu genügen: hat doch die Entwickelung der neueren
Wissenschaft unsere Anschauung des Kosmos, die durch die Er-
fahrung der Jahrhunderte bestätigt und gesichert schien, als irrig
erwiesen und dadurch miltelbar gezeigt, dass eine Ansammlung
besonderer räumlicher und zeitlicher Wahrnehmungen uns nie-
mals zu wahrhaft universellen Urteilen führen kann.)