Die „natürliche Dialektik“,
131
beginnen kann, ein ideales Vorbild vor sich aufstellen, muss
ein Muster bezeichnen und bestimmen, dem sie nachstrebt und
das sie zu erreichen trachtet. So besitzt die Physik einen der-
artigen Maassstab und eine derartige Begrenzung in der Be-
schaffenheit der Naturohjekte; so muss der Mathematiker alle
seine Sätze zuletzt auf. reine anschauliche Grundformen und Ge-:
stalten zurückbeziehen, wie der Sprachgelehrte und Redner den
natürlichen Sprachgebrauch befragen muss. Alle Kunst findet
somit ihre Stütze und ihre feste Regel in irgend einer dauernden
und unveränderlichen Natur: „artium veritas prius in natura
viguit, quam ulla praecepta cogitarentur“. Nur die Dialektik hat
sich bisher, in einem falschen Unabhängigkeitsstreben, diesem
gemeinsamen Gesetz und dieser gemeinsamen Kontrolle entzogen;
damit aber hat sie sich zugleich jeder willkürlichen Erdichtung
wehrlos überliefert. Wie ein Maler die menschliche Gestalt und
die Züge des menschlichen Gesichtes im Einzelnen nachzubilden
strebt, so muss es das höchste Ziel der logischen Wissenschaft
werden, die „natürliche Dialektik“ wiederzugeben und sie in
ihren eigenen und cchten Farben zum Ausdruck zu bringen.®®)
Erst wenn die Kunst diesen ihren wahren Ursprung begreift und
anerkennt, vermag sie, in ihrer höchsten Entwicklung, rückge-
wandt wiederum zur Führerin und Meisterin der Natur zu werden.
„Denn keine Natur ist so fest und beständig, dass sie nicht
durch die Erkenntnis ihrer selbst und durch die Beschreibung
ihrer Kräfte an Festigkeit und Sicherheit gewönne: keine ist so
kraftlos und gebrechlich, dass sie nicht durch Hilfe der Kunst
zu grösserer Energie und Klarheit zu gelangen vermöchte. Die
Natur enthält die lebendigen Kräfte, die dank dem Rat und der
Leitung der Kunst zu reiner und unverdorbener Entfaltung
kommen.“#) Die Aristotelische Logik und Syllogistik ist es, die
bisher den Geist in spanische Stiefeln eingeschnürt hat: sollen wir
dulden, dass die Natur vergewaltigt und der Fuss zerbrochen
wird, statt diese willkürliche Fessel abzustreifen?®)
In der „natürlichen“ Entwicklung des Geistes: nun steht
auch für Ramus die Sprache an erster Stelle. ‘ Sobald in uns
das Bewusstsein der Notwendigkeit erwacht ist, von der fliessenden
Erscheinung zum einheitlichen und dauernden Sein zurückzu-
gehen, finden wir in ihr die erste und sichere Leitung. Hier