Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die „natürliche Dialektik“, 
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beginnen kann, ein ideales Vorbild vor sich aufstellen, muss 
ein Muster bezeichnen und bestimmen, dem sie nachstrebt und 
das sie zu erreichen trachtet. So besitzt die Physik einen der- 
artigen Maassstab und eine derartige Begrenzung in der Be- 
schaffenheit der Naturohjekte; so muss der Mathematiker alle 
seine Sätze zuletzt auf. reine anschauliche Grundformen und Ge-: 
stalten zurückbeziehen, wie der Sprachgelehrte und Redner den 
natürlichen Sprachgebrauch befragen muss. Alle Kunst findet 
somit ihre Stütze und ihre feste Regel in irgend einer dauernden 
und unveränderlichen Natur: „artium veritas prius in natura 
viguit, quam ulla praecepta cogitarentur“. Nur die Dialektik hat 
sich bisher, in einem falschen Unabhängigkeitsstreben, diesem 
gemeinsamen Gesetz und dieser gemeinsamen Kontrolle entzogen; 
damit aber hat sie sich zugleich jeder willkürlichen Erdichtung 
wehrlos überliefert. Wie ein Maler die menschliche Gestalt und 
die Züge des menschlichen Gesichtes im Einzelnen nachzubilden 
strebt, so muss es das höchste Ziel der logischen Wissenschaft 
werden, die „natürliche Dialektik“ wiederzugeben und sie in 
ihren eigenen und cchten Farben zum Ausdruck zu bringen.®®) 
Erst wenn die Kunst diesen ihren wahren Ursprung begreift und 
anerkennt, vermag sie, in ihrer höchsten Entwicklung, rückge- 
wandt wiederum zur Führerin und Meisterin der Natur zu werden. 
„Denn keine Natur ist so fest und beständig, dass sie nicht 
durch die Erkenntnis ihrer selbst und durch die Beschreibung 
ihrer Kräfte an Festigkeit und Sicherheit gewönne: keine ist so 
kraftlos und gebrechlich, dass sie nicht durch Hilfe der Kunst 
zu grösserer Energie und Klarheit zu gelangen vermöchte. Die 
Natur enthält die lebendigen Kräfte, die dank dem Rat und der 
Leitung der Kunst zu reiner und unverdorbener Entfaltung 
kommen.“#) Die Aristotelische Logik und Syllogistik ist es, die 
bisher den Geist in spanische Stiefeln eingeschnürt hat: sollen wir 
dulden, dass die Natur vergewaltigt und der Fuss zerbrochen 
wird, statt diese willkürliche Fessel abzustreifen?®) 
In der „natürlichen“ Entwicklung des Geistes: nun steht 
auch für Ramus die Sprache an erster Stelle. ‘ Sobald in uns 
das Bewusstsein der Notwendigkeit erwacht ist, von der fliessenden 
Erscheinung zum einheitlichen und dauernden Sein zurückzu- 
gehen, finden wir in ihr die erste und sichere Leitung. Hier
	        
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