Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Vebergang zur mathematisch-naturwissenschaftl. Renaissance. 138 
quamque deorum proprium est, cum in tenebris caecus erres, in 
amplissimo lumine omnia numerare? cum in uno loco vinctus 
tenearis, omnes regiones celerrime liberrimeque peragrari? cum 
exules, in media patriae luce versari? cum agiteris, statum te- 
nere?“56) 
So viel auch in dieser Darstellung auf Rechnung rhetorischen 
Schmuckes zu setzen ist: es ruht auf ihr dennoch ein Glanz Pla- 
tonischen Stils und Platonischer Denkart. Ramus selbst ist kein 
produktiver Mathematiker, aber er hat durch die Klarheit und 
Fasslichkeit seiner Lehrbücher den didaktischen Bedürfnissen der 
Zeit und der allgemeinen Ausbreitung mathematischer Bildung ge- 
dient. Hier wie im Kampf gegen Aristoteles ist er nich1 der Schöpfer, 
wohl aber der Wortführer der modernen Gedanken. Die mannig- 
fachen Strömungen, die auf eine Erneuerung der Wissenschaft hin- 
drängen, finden bei ihm ihren Ausdruck und ihren pathetischen 
Widerhall. Die Schriften von Valla, Vives und Ramus stellen 
drei verschiedene Stufen dar, in denen die allmähliche Rezeption 
des Humanismus durch drei grosse Kulturvölker sich vollzieht: zu- 
gleich aber gehören sie ein und derselben inneren und sachlichen 
Entwicklung an. Selbst hier, im Mittelpunkte der humanistischen 
Denkweise, mehren sich die Anzeichen für den Uebergang von der 
philologischen zur mathematisch - naturwissenschaft- 
lichen Renaissance. So soll bei Ramus die alte Logik, die 
ihre Orientierung und ihr Rüstzeug der Grammatik entlehnt,°) 
durch eine neue Denklehre ersetzt werden, die ihr Vorbild im 
Inhalt der Geometrie sucht. Die Geometrie allein ist es, die im 
Sinne des Aristoteles selbst Wissenschaft genannt werden kann, 
weil nur in ihr ein strenger und notwendiger Fortschritt des Be- 
weisens sich findet: aber keine Lehre entspricht weniger als sie 
dem herkömmlichen Schema und dem herkömmlichen Ideal, das 
der Dialektiker entwirft. Nicht in der Syllogistik, sondern in 
den Definitionen und Postulaten, die sie selbst an die Spitze stellt, 
in ihren eigenen inhaltlichen Grundlegungen ist der Quell ihrer 
Wahrheit zu.suchen. Wenn Ramus jetzt, wie Vives, ausspricht, 
dass die Prinzipien, von denen die Aristoteliker träumen, nirgend 
anderswo, als in den Wissenschaften selbst zu finden sind: 
so hat dieser Satz bei ihm, der den Platonischen Begriff der 
Dialektik anerkennt. eine veränderte Bedeutung gewonnen; er be-
	        
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