Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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138 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Giacomo Zabarella. 
zubauen. Das Faktum, mit dem wir beginnen, wird also zu- 
gleich als bekannt und als unbekannt angesehen: als be- 
kannt, sofern es der Mittelpunkt ist, auf den die gesamte gedank- 
liche Bewegung sich zurückbezieht; als unbekannt, sofern seine 
Erläuterung und Aufhellung den eigentlichen Vorwurf und die 
eigentliche Frage bildet. Um der Schwierigkeit, die hierin liegt, 
zu entgehen, genügt es nicht, sich auf die übliche Aristotelische 
Unterscheidung des xpitepov A Yüoe VOM KpitEpUV Kpüs YıyLda ZU 
berufen: also etwa zu erwidern, dass die Ursache zwar „an sich“ 
früher, als die Wirkung sei, „für uns“ und unsere begriffliche 
Einsicht dagegen das Unbekannte und Abzuleitende bedeute. 
Denn mit dieser Antwort würde ein metaphysischer Gesichts- 
punkt in eine Frage eingeführt, die, wenn irgendeine, mit den 
Hilfsmitteln und den Bedingungen der reinen Logik zu lösen 
und zu entscheiden ist. In dieser aber haben wir es niemals 
mit der „Natur“ als solcher, mit der absoluten Wesenheit der 
Dinge, sondern nur mit unserer Art, die Dinge zu begreifen, 
zu tun. Jedes Beweisverfahren geht somit von „uns selbst“ aus 
und zielt wiederum auf „uns selbst“, nicht auf die „Natur“ ab —‘ 
„utraque demonstratio a nobis et propter nos ipsos fit, non propter 
naturam“.%) Die Betrachtung und Gliederung der Wissenschaften 
darf sich — wie Zabarella in seiner Schrift über die Methode 
ausgeführt hatte — niemals auf die Ordnung der Objekte, 
sondern lediglich auf die der Erkenntnisse stützen. Die Frage 
ist nicht, wie die Gegenstände sich im Universum verbinden und 
zusammenfügen, sondern wie die Begriffe unseres Geistes sich, 
im stetigen Stufengang vom Leichteren zum Schwereren, anein- 
anderreihen und aufbauen.®) In der Tat könnte es, wenn wir 
nur den Gang der Natur wiederzugeben und auszudrücken 
hätten, nur eine einzige synthetische Art des Beweises geben: 
denn die Natur schreitet überall vom Einfachen zum Zusammen- 
gesetzten, von den Elementen zu den Verbindungen fort. Die 
Gedankenwelt indes ist an die blosse Verfolgung und Nach- 
ahmung dieser realen Zusammenhänge nicht gebunden, sondern 
stiftet sich selbst, nach eigenem Gesetze, ihre Verbindungen und 
Rangordnungen. So ist es denn auch für das methodische Ver- 
fahren, das hier in Frage steht, relativ gleichgültig, dass die 
Materie und der objektive Inhalt, bei dem es endet, derselbe
	        
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