Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Kritik des Substanzbegriffs. 
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zu befreien und in eine Methodenlehre des Denkens und der 
Wissenschaft überzuführen. 
Die metaphysischen Elemente, die in die Erkenntnislehre 
des Aristoteles eingegangen und mit ihr verschmolzen waren, sind 
uns bereits früher entgegengetreten. Wie dem Denken die Auf- 
gabe gestellt war, ein vollendetes Abbild des Seins zu liefern, so 
blieb die Beschreibung seiner Funktion und Tätigkeit in die 
Schwierigkeiten des Substanzbegriffs verstrickt. Was an den 
Objekten erkennbar ist, ist lediglich ihre „Form“, die von der 
Beimischung mit der Materie befreit werden muss, damit das 
betrachtete Objekt seiner reinen geistigen Wesenheit nach in das 
Denken aufgenommen werden kann. Die Materie, die als die not- 
wendige Bedingung der konkreten Existenz des Dinges gilt, be- 
deutet für die Erkenntnis eine negative und unübersteigliche 
Schranke. Schon die sinnliche Wahrnehmung muss die stoffliche 
Bestimmtheit, die dem Einzeldinge anhaftet, abstreifen, um ihm 
den Eingang ins Bewusstsein zu verstatten. Aber sie enthält 
lie Wesenheit des Objekts, die sie auf diese Weise herauslöst, 
noch in mannigfacher Vermischung mit zufälligen und äusser- 
lichen Beschaffenheiten, und erst der Tätigkeit des Verstan- 
les gelingt es, die Substanz nach ihrer wahrhaft allgemeinen 
Natur und frei von allen „Accidentien“ zu erfassen. So blieb die 
Deutung des Erkenntnisprozesses abhängig von der realistischen 
Voraussetzung, die dem System zu Grunde lag: die allgemeinen 
Begriffe, die die letzten und höchsten Ergebnisse des Wissens 
sind, haben Geltung, weil sie ihre Entsprechung in den allge- 
meinen „Formen“ und Zwecken finden, die die empirische Wirk- 
lichkeit gestalten und beherrschen. (Vgl. bes. ob. S. 46 ff. u. 82 f.) 
Es ist ein neuer, wichtiger Schritt in der Entwicklung der 
Renaissancephilosophie, dass sie — über die gelegentliche 
Opposition gegen Einzellehren des Perpatetischen Systems hinaus 
— zu einer Kritik dieser fundamentalen logischen Grundannahme 
weiterschreitet. Nichts beweist deutlicher, dass wir es in ihr nicht 
mit verstreuten und beziehungslosen Reaktionen gegen die Scho- 
'astik zu tun haben, sondern mit einer philosophischen Gesamt- 
bewegung, die allmählich immer sicherer zur Klarheit über ihre
	        
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