Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

EN NE 
Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaft. 
149 
auf Reuchlin und Zwingli, wie auf Paracelsus und Kepler ge- 
wirkt hat. 
Wiederholt und eingehend ist von den Geschichtschreibern 
der Renaissance die allgemeine Kulturbedeutung geschildert 
worden, die diese Schrift für eine Zeit besass, in der der Glaube 
an die Einwirkung der Sterne noch allenthalben das theoretische 
Bewusstsein, wie das menschliche Tun beherrschte. Wir sehen 
daher von diesem Zusammenhange ab, um die Schrift nur nach 
dem Beitrag zu betrachten, den sie für die Entwickelung des 
Erkenntnisproblems in sich birgt. Wenn die Geschichte der 
Philosophie nicht lediglich bei den grossen und deutlich kennt- 
lichen Wendepunkten des Gedankens verweilen darf, wenn sie, 
darüber hinaus, die ersten Keime und Symptome einer neuen 
Denkweise im allgemeinen Bewusstsein aufsuchen muss, so bildet 
Picos Werk für sie ein wichtiges und reizvolles Objekt. Denn 
hier stellt sich uns eine rein intellektuelle Wandlung dar, die 
unmittelbar das Ganze des Lebens ergreift und nach sich be- 
stimmt. Wir müssen uns, um diese Umbildung zu begreifen, die 
Rolle gegenwärtig halten, die die Astrologie im geistigen Haus- 
halt des Mittelalters gespielt hatte und die ihr bis weit in die 
neue Zeit hinein verblieb. Die Natur ist für das mittelalterliche 
Denken kein losgelöstes und selbständiges Problemgebiet, das auf 
eigenen Gesetzen und Grundlagen ruht. Sie empfängt ihre Be- 
deutung erst von dem Zusammenhang mit den letzten geistigen 
Zielen, auf die alles Geschehen angelegt ist; sie kommt nur als 
Hemmnis oder als Instrument des „Reiches der Gnade“ in Be- 
tracht. Alles Licht, das auf sie fällt, wie aller Schatten stammt 
aus dem jenseitigen Sein, das sich uns in der Subjektivität des 
religiösen Erlebnisses erschliesst. . Man begreift gegenüber dieser 
Vorherrschaft des Subjekts die Bedeutung, die der Astrologie 
zukam. Sie bildet gleichsam einen Rückschlag gegen die allge- 
meine Grundanschauung, aus der sie sich abhebt und bezeichnet 
deren notwendige Grenze. Die Natur wird in ihr wieder als ein 
für sich bestehendes und festgefügtes Ganze begriffen, das das 
Individuum umfasst und zwingt. Die unverrückbare Notwen- 
digkeit des Geschehens, die durch keinen äussern Eingriff 
beeinflusst oder abgelenkt werden kann, kommt in einem ge- 
schlossenen. sinnlichen Bilde zum sichtbaren Ausdruck. Dass
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.