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Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaft.
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auf Reuchlin und Zwingli, wie auf Paracelsus und Kepler ge-
wirkt hat.
Wiederholt und eingehend ist von den Geschichtschreibern
der Renaissance die allgemeine Kulturbedeutung geschildert
worden, die diese Schrift für eine Zeit besass, in der der Glaube
an die Einwirkung der Sterne noch allenthalben das theoretische
Bewusstsein, wie das menschliche Tun beherrschte. Wir sehen
daher von diesem Zusammenhange ab, um die Schrift nur nach
dem Beitrag zu betrachten, den sie für die Entwickelung des
Erkenntnisproblems in sich birgt. Wenn die Geschichte der
Philosophie nicht lediglich bei den grossen und deutlich kennt-
lichen Wendepunkten des Gedankens verweilen darf, wenn sie,
darüber hinaus, die ersten Keime und Symptome einer neuen
Denkweise im allgemeinen Bewusstsein aufsuchen muss, so bildet
Picos Werk für sie ein wichtiges und reizvolles Objekt. Denn
hier stellt sich uns eine rein intellektuelle Wandlung dar, die
unmittelbar das Ganze des Lebens ergreift und nach sich be-
stimmt. Wir müssen uns, um diese Umbildung zu begreifen, die
Rolle gegenwärtig halten, die die Astrologie im geistigen Haus-
halt des Mittelalters gespielt hatte und die ihr bis weit in die
neue Zeit hinein verblieb. Die Natur ist für das mittelalterliche
Denken kein losgelöstes und selbständiges Problemgebiet, das auf
eigenen Gesetzen und Grundlagen ruht. Sie empfängt ihre Be-
deutung erst von dem Zusammenhang mit den letzten geistigen
Zielen, auf die alles Geschehen angelegt ist; sie kommt nur als
Hemmnis oder als Instrument des „Reiches der Gnade“ in Be-
tracht. Alles Licht, das auf sie fällt, wie aller Schatten stammt
aus dem jenseitigen Sein, das sich uns in der Subjektivität des
religiösen Erlebnisses erschliesst. . Man begreift gegenüber dieser
Vorherrschaft des Subjekts die Bedeutung, die der Astrologie
zukam. Sie bildet gleichsam einen Rückschlag gegen die allge-
meine Grundanschauung, aus der sie sich abhebt und bezeichnet
deren notwendige Grenze. Die Natur wird in ihr wieder als ein
für sich bestehendes und festgefügtes Ganze begriffen, das das
Individuum umfasst und zwingt. Die unverrückbare Notwen-
digkeit des Geschehens, die durch keinen äussern Eingriff
beeinflusst oder abgelenkt werden kann, kommt in einem ge-
schlossenen. sinnlichen Bilde zum sichtbaren Ausdruck. Dass