150 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.
damit ein neues und gegensätzliches Motiv sich ankündet, wird
am deutlichsten, wenn die Astrologie es zuletzt unternimmt, die
Religion selbst, ihre Entstehung und ihre Schicksale aus
Gründen und Gesetzen der Natur verstehen und ableiten zu
wollen. Die geschichtlichen Ereignisse, auf die der Glaube sich
stützt und denen er einen schlechthin einzigartigen und abso-
luten Wert verleihen muss, erscheinen nunmehr dem Strome
des Gesamtgeschehens eingeordnet und durch ihn bedingt. Der
Fortschritt und die Entwicklung des „Geistes“ ordnet sich den
physischen Ursachen und Constellationen unter. In der Re-
naissance gelangt diese Form des astrologischen Glaubens zur
allseitigen Verbreitung und Herrschaft: der moderne Gedanke
einer stetigen Entwicklung der einzelnen Glaubensformen stellt
sich hier noch überall in der Verhüllung dar, dass man ihre
Blüte und ihren Verfall vom wechselnden Stand der Gestirne
abhängig macht.)
Aber freilich: dem Kreise der Subjektivität, über den sie
hinausstrebt, ist die Astrologie damit nicht entronnen. Die Not-
wendigkeit, die sie verkündet, ist nicht die des causalen Ge-
setzes. Es ist ein innerer, allgemeiner Zweckzusammenhang,
der ihr vorschwebt und der ihr die Richtung weist. Das Uni-
versum erscheint als ein lebendiger Organismus, in dem jedes
Glied dem gemeinsamen Zwecke dient, in dem daher jeder Teil
das Ganze in sich enthält und erkennbar macht. Ohne dem ver-
wickelten Gange der Mittelursachen zu folgen, vermögen wir so-
mit zwei Punkte des Alls unmittelbar mit einander zu verknüpfen
und in Beziehung zu setzen. Jedes besondere Geschehen ist ein
Zeichen und eine Repräsentation des Gesamtgesetzes; alle Glieder
des Alls stehen somit in ursprünglichem harmonischen Einklang
und deuten symbolisch auf einander hin. Die volle Entfaltung
dieser Grundanschauung ist in der Magie gegeben, mit der die
Astrologie überall eng verschwistert ist. Hier gilt das Symbol,
gilt vor allem das Wort als der Quell einer natürlichen Wirkung,
die unmittelbar in die Dinge eingreift und sie nach sich be-
stimmt. Die Namen sind nichts Willkürliches und Aeusserliches,
sondern sie sind — wie insbesondere Agrippa von Nettesheim aus-
spricht — von allem Anfang an mit der Wesenheit der Dinge ver-
woben. Der „Logos“, der die „Samen“ aller Dinge in sich birgt und