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Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht.
die moderne Auffassung der Freiheit als der theoretischen und
sittlichen Selbstbestimmung heranreift. Und diese Verschmel-
zung tritt uns von nun an in den Werken der Renaissance immer
deutlicher entgegen: die tiefere Erforschung der objektiven Natur
führt den Menschen zur Einsicht in das wahre Wesen seines Ich
zurück, wie andererseits die tiefere Erkenntnis des Ich ihm stets
neue Gebiete der objektiven Wirklichkeit erschliesst. In typischer
Weise sind die beiden Phasen und Richtungen dieses gedanklichen
Prozesses in dem Werke des Carolus Bovillus „über die Weis-
heit“ beschrieben und zusammengefasst. Die wahre Weisheit ist,
wie hier ausgesprochen wird, ihrer echten und allumfassenden
Bedeutung nach, nichts anderes, als die Ausprägung des Modells
und des Ideals der Menschheit, das wir in uns tragen. Unser
eigenes, unverfälschtes Wesen ist es, das wir in ihrem Bilde fest-
halten. Die ganze Aufgabe der Erkenntnis ist darin beschlossen,
von der ersten und unfertigen Empfindung der Menschheit, die
in jedem von uns angelegt ist, zum bewussten Verständnis ihres
Begriffs durchzudringen: den „primus homo“ zum „secundus
homo“ umzugestalten. An die Naturobjekte geben wir uns nur
deshalb hin, um an ihnen alle die Züge zu entdecken und heraus-
zuschälen, die unserem eigenen Sein wesensverwandt sind; die
Erforschung der „grossen Welt“ soll nur dazu dienen, ‚uns das
Bild des Mikrokosmos immer reiner zurückzustrahlen. So ist
der Mensch Anfang und Ende alles Wissens und gleichsam die
„Palinodie“ der Welt. Die ursprüngliche, natürliche Einheit
seines Daseins muss verlassen und durchbrochen werden, sie muss
durch freie Betätigung des Denkens in eine Doppelheit verwandelt
werden, damit aus dieser wiederum die bewusste Erkenntnis
der Einheit seines Wesens erwachsen kann. Diese Erhebung
unserer eigenen Natur zur reflexiven Selbsterkenntnis bildet
das höchste und endgültige Ziel aller begrifflichen Arbeit. „So
besteht denn alle Weisheit in einer Mehrung und Unterscheidung,
einer Fruchtbarkeit und Ausstrahlung des Ich: in einer Zweiheit
des Menschen, die aus einer ursprünglichen Einheit geboren wird.
Denn der erste, sinnliche Mensch, der alles, was er besitzt, von
der Natur zu Lehen trägt, ist eine Einheit, zugleich aber aller
menschlichen Fruchtbarkeit Quell und Anfang“. Mit bewusster
Kunst muss er sich zur Zweiheit umbilden und formen. muss er