Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Der Shepticismus. — Montaigne. 
hier der subjektive Anspruch des Individuums vor einer neuen 
Anschauung des Kosmos verschwindet, so wird auf der andern 
Seite das vermeintliche Privileg des Menschen in der Folge und 
Stufenreihe der Lebewesen beseitigt: in immer erneuten Bei- 
spielen verficht die Apologie die biologische und geistige Wesens- 
gleichheit zwischen Mensch und Tier. Und dieser theoretischen 
Ansicht entspricht ein neues Einheitsgefühl: an die Stelle der 
Vereinzelung des Menschen in der theologischen Betrachtung 
tritt hier das Bewusstsein einer Gemeinschaft, die alles Leben- 
dige, die Pflanze und Tier gleichmässig umfasst und wechsel- 
zeitig verknüpft (IT, 11). 
Spricht sich hierin nur die allgemeine Grundstimmung aus, 
die wir überall in der Renaissance mit der neuen Ansicht der 
Natur verbunden finden, so nimmt dennoch von diesem Punkte 
aus der Gedanke eine andere Wendung. Der Naturphilosophie 
der Renaissance bedeutet die Einheit zwischen Mensch und Natur 
vor allem das Bewusstsein ihrer inneren, metaphysischen Wesens- 
gemeinschaft: das Individuum ist zur Erkenntnis des Universums 
berufen und befähigt, weil es mit ihm von gleichem Stoffe, weil 
es das Erzeugnis derselben schöpferischen Grundkraft ist, die die 
äussere Welt hervorbringt und beherrscht. Und dennoch ist mit 
dieser Antwort das Problem erst in seinem ganzen Umfang und 
in seiner vollen Schärfe bezeichnet. Sofern das Subjekt dem 
Ganzen der Naturkausalität untergeordnet wird, sofern erscheint 
die Erkenntnis an die bestimmten und besonderen Naturbedin- 
gungen ihrer Entstehung geknüpft und bleibt in ihrer Ausdehnung 
und Geltung an sie gebunden. Das Erkennen wird zum Teil- 
prozess innerhalb des gesetzlichen Ablaufs des Gesamtgeschehens: 
wie liesse sich aus diesem Bruchstück, selbst wenn wir es in sich 
selber vollständig übersehen und bestimmen könnten, die Regel 
des Ganzen herleiten? So ergibt sich eine eigentümliche Um- 
kehrung: was der ästhetischen Phantasie des Pantheismus als 
die eigentliche Lösung gilt, das bedeutet für den logischen Ana- 
Iytiker erst den prägnanten Ausdruck des Rätsels. Die Kraft und 
Eigenart von Montaignes Skepsis bekundet sich darin, dass sie 
gerade die positiven Ergebnisse und Rechtstitel der neuen For- 
schung dialektisch in Waffen gegen den Wert und die Allge- 
meingültigkeit menschlichen Wissens umschmiedet. Der Gedanke
	        
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