38
Der Skepticismus. — Montaigne.
Transscendentes gesucht wird, so kann das Bewusstsein nicht
mehr den Weg zu seiner Erkenntnis weisen; es bezeichnet als-
dann nur noch die trügerische Hülle, mit der wir alle Inhalte
bekleiden und die uns ihre echte Wesenheit verbirgt. Unser
Wissen vermittelt uns nicht die Form und Beschaffenheit der
Dinge, sondern lediglich die Eigentümlichkeit des Organs, das
von ihnen eine Einwirkung erfährt. Wie ein und derselbe ste-
tige Luftstrom durch verschiedene Instrumente zu einer Mannig-
faltigkeit von Tönen gebrochen und abgewandelt wird, so über-
tragen unsere Sinne die Qualität, die ihnen selbst eigen ist, auf
das ursprünglich einheitliche Objekt. Den Umkreis des Seins
vermögen wir somit nicht zu ziehen: denn töricht wäre die An-
nahme, dass die Schranken unserer Empfindungsfähigkeit zugleich
die Grenzen der physischen Wirklichkeit sind. Wie der Verlust
eines bestimmten Sinnes die Aenderung unseres gesamten Welt-
bildes nach sich ziehen müsste, so müsste der Gewinn einer neuen
sinnlichen Erkenntnisquelle uns Gebiete des Daseins eröffnen, die
uns unter den gegebenen Bedingungen unserer Organisation dau-
ernd verschlossen bleiben. Das Denken der Wissenschaft und
der logischen Schlussfolgerung vermag diesen Mangel nicht zu
ersetzen, da ihm nur die Verknüpfung gegebener Wahrneh-
mungen, nicht die Entdeckung und Erschaffung neuer Tatsachen-
kreise zukommt; da es somit gleichfalls die irrationale Zufällig-
keit unserer empirisch-physiologischen Bildung nirgends zu über-
winden vermag. Und mit dem äusseren Gegenstand schwindet
auch der Begriff des „Subjekts“ als einer einheitlichen festen Norm
dahin. Was wir als die Einheit eines Individuums betrachten,
ist in Wahrheit nur eine Abfolge verschiedener, einander wider-
streitender Zustände, zwischen denen keine Rangordnung und
keine Wertunterscheidung zu vollziehen ist; kein Kriterium ver-
mag zwischen den Wahrnehmungen, die wir als „gesunde“ und
„kranke“, als Erfahrungen des Wachens und des Traumes einander
gegenüberzustellen pflegen, eine wahrhaft logisch gegründete Ent-
scheidung zu treffen. Das Ich, wie es einerseits die Voraussetzung
für die Wahrnehmung der Dinge bildet, wird auf der anderen
Seite selbst wieder von ihnen und ihrer stetigen Veränderung be-
stimmt. Wenn wir es als Naturursache der Erkenntnis an-
sehen konnten, so ist es eben damit auch Naturprodukt und