Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Skepticismus. — Montaigne. 
les pieces empruntees d’aultruy, il les transformera et confondra 
pour en faire un ouvrage tout sien, a scavoir son jugement: son 
institution, son travail et estude se vise qu’ä le former. Qu'il cele 
:out ce dequoy il a este secouru, et ne produise que ce qu'il en 
a faict“. Die Vernunft und die Wahrheit sind allen gemein; wer 
sie zuerst in Worte kleidet, besitzt sie nicht in höherem Maasse 
als ein Späterer, der sie sich innerlich zu Eigen gemacht hat. 
Eine Wahrheit gehört mir im selben Sinne, wie dem Platon, wenn 
er und ich sie übereinstimmend sehen und begreifen. So ist jede 
echte erzieherische Tätigkeit wiederum von dem Glauben an die 
[(dentität der Vernunft bedingt und getragen; von der Annahme 
siner ursprünglichen Gleichartigkeit zwischen dem geistigen Inhalt, 
der dargeboten wird, und der geistigen Kraft und Wesenheit des 
Subjekts, das ihn aufnimmt.) Wir erkennen hier in einem ty- 
pischen Beispiel die tiefere Art des geschichtlichen Zusammen- 
hangs, der die Renaissance an die Antike knüpft. Die Anlehnung 
an das klassische Altertum wird von Montaigne verworfen, sofern 
sie den Sinn hat, dem Einzelnen den Stoff des Wissens in ferti- 
ger, geschlossener Gliederung zu überliefern. Aber eben in dieser 
Abweisung fühlt er sich als Erbe des griechischen Geistes. Er 
beruft sich auf das Platonische Ur- und Anfangswort aller Pä- 
dagogik: so wenig sich blinden Augen die Sehkralft einsetzen lässt, 
so wenig vermag die Erziehung der Seele einen geistigen Inhalt zu 
geben, der nicht latent in ihr enthalten wäre (II, 24). Und So- 
krates gilt ihm als der ewige Pädagoge des Menschengeschlechts, 
sofern er zuerst ihm gezeigt hat, wieviel es aus eigener Kraft ver- 
mag (III, 12), Hier erhebt sich Montaignes Skepsis in der Ergän- 
zung, die sie durch den Gedanken der freien Selbsttätigkeit des 
Bewusstseins erhält, in der Tat zur echten Bedeutung des So- 
Kratischen Nichtwissens. Das Griechentum bildet das Vorbild, 
nicht als Hüterin eines festen Wissensschatzes, sondern als 
Weckerin und als geschichtliche Bürgschaft der Produktivi- 
tät des menschlichen Geistes. Die Antike wird — im Gegen- 
satz zur Scholastik — die Schule der „Naivität“ und Natürlich- 
keit; auch die Ueberlegenheit des Stils der Alten gilt Montaigne 
nicht als ein zufälliger und äusserer Vorzug, sondern als gegrün- 
det auf die Klarheit ihres Denkens und auf die Kraft und Rein- 
neit der objektiven Anschauung (IIL, 5).
	        
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