Psychologie und Geschichte.
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So fällt allgemein von hier aus neues Licht auf die Geschichte,
die nicht mehr im Sinne philologischer Altertumskunde
gefasst, sondern als die allgemeine Psychologie des
Menschen gedacht wird: als die „Anatomie der Philosophie“, in
der die dunkelsten Gebiete unserer Natur uns durchsichtig werden
(TI, 25). Montaigne vertritt die doppelte Tendenz, die sich im modernen
Begrift der Geschichte vereinigt. (Vgl. ob. S. 156 f.) Indem
er auf die Naturbedingungen alles historischen Geschehens, auf die
Bestimmtheit der theoretischen und sittlichen Kultur durch das
„Milieu“, durch Ort und Klima zurückweist, begründet er die Geschichtsbetrachtung
der französischen Aufklärungsphilosophie, wie
sie sich vor allem in Montesquieu ausprägt (s. bes. II, 12), Und
dennoch ist es, trotz aller Mannigfaltigkeit und allem scheinbaren
Widerspruch, eine einheitliche „Natur“ des Menschen, die sich nach
ihm in allem Wandel des Geschehens enthüllt und offenbart. Von
den wechselnden Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens,
von aller Betrachtung der äusseren politischen Schicksale, in
denen Laune und Zufall vorherrschen, werden wir daher zuletzt
auf das Individuum als das eigentliche Objekt der Geschichtswissenschaft
verwiesen, Plutarch und Tacitus gelten, weil sie zuerst
den Blick auf das „Innere“ des Menschen gelenkt haben, als die
klassischen Vorbilder (II, 10; III, 8). In analoger Weise wandelt
sich der aesthetische Maassstab, indem auch hier durchweg das
Charakteristische vor dem Novellistischen, die Kunst und Feinheit
der psychologischen Motivierung vor der Entwicklung der
Fabel den Vorrang gewinnt. Das Grundgesetz des künstlerischen
Stils — und hier kehren die beiden Lieblingsbegriffe Montaignes
wieder — ist seine „Naivität“ und „Natürlichkeit“; alles Beiwerk,
das nicht unmittelbar und notwendig aus der Natur des darzustellenden
Gegenstands fliesst, aller rhetorische Zierrat verstösst
gegen das erste aesthetische Erfordernis der Darstellung. Der
„Ciceronianismus‘“ und seine verschiedenen Abarten wird in den
Essais mit einer Energie und einer treffenden Sicherheit bekämpft,
die im Zeitalter des Humanismus überrascht. Man hat von der
Einwirkung gesprochen, die Montaigne auf Shakespeare geübt
hat: und in der Tat hört man an manchen Stellen bei Shakespeare
den unmittelbaren Nachklang der „Essais“ noch deutlich
heraus.‘) Wichtiger aber als diese Uehbereinstimmungen im Ein-