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ie Natur philosophie.
Einzelpunkte des Daseins, in den es zunächst gesetzt scheint, fort-
zuwirken, sich auszubreiten und sich zu vervielfältigen.®) Die Wirk-
lichkeit des Naturkörpers enthält eine Vielheit räumlicher Glie-
derungen, sowie ein Nacheinander zeitlicher Entwicklungsphasen
in sich: beides können wir nur verstehen, wenn wir die Mehrheit
auf eine Einheit zurückbeziehen, die sich in ihr entfaltet und offen-
bart. Diese Einheit in der Mannigfaltigkeit, die wir in dem
Begriff der unteilbaren qualitativ einfachen Kraft im Gegensatz
zu ihren successiven Aeusserungen denken, bezeichnet zugleich
den Grundcharakter dessen, was wir „Leben“ nennen: „vita
dieitur a vi“.7) Es gibt kein Sein ohne Wirken, kein Wirken
ohne ein Analogon des Bewusstseins: alle Existenz ist somit ihrer
selbst bewusstes Leben.®) Innerhalb dieser Alleinheitslehre aber
geht das Einzelne dennoch nicht restlos im Absoluten unter,
sondern bedeutet ihm gegenüber ein eigenes Problem und einen
neuen Anspruch. Es ist ein vergeblicher Versuch, alle Wirksam-
keit der Natur auf das göttliche Urwesen zurückführen und in ihm
erschöpfend begründen zu wollen: das konkrete Geschehen verlangt
zu seiner Erklärung überall eigentümliche und individuelle Prin-
zipien. Nicht Gott ist es, der — wie eine bestimmte metaphysi-
sche Theorie es will — in der Flamme nach oben strebt-und in
der Sonne leuchtet: sondern die eigene spezifische Natur des
Feuers und des Lichts. Die Vollkommenheit der Naturdinge be-
weist sich eben darin, dass sie in sich selbst den Keim und das
Vermögen zur Selbsterhaltung besitzen. So ist insbesondere die
menschliche Seele der Notwendigkeit eines übernatürlichen Bei-
stands enthoben: sie selber, nicht eine jenseitige Macht ist es, die
unsere Gedanken denkt und unser Wollen und Tun leitet. Die
besonderen Akte des Geschehens verlangen zu ihrem Verständnis
überall die Zurückführung auf besondere „Kräfte“ und damit, im
;etzten Sinne, auf besondere Bewusstseinszentren und Einheiten.®)
In diesen Ausführungen Campanellas ist genau das Pro-
blem bezeichnet, das sich später zu dem metaphysischen Gegen-
zatz des Okkasionalismus und der praestabilierten Harmonie ver-
lichtet hat.ıo) Allgemein beginnt hier der Begriff der Kraft die
bestimmtere und schärfere Form anzunehmen, die ihn in der
neueren Zeit auszeichnet. An dem Aristotelischen Begriff der
‚Potenz“ haftet von seiner Entstehung an eine innere Zweideutig-