Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung. 
ab. Es ist vergeblich, bestimmte beharrliche Grundgestalten des 
Bewusstseins, gegebene und konstante Elemente des Geistes aus- 
sondern und festhalten zu wollen. Jedes „a priori“, das auf diesem 
Wege als eine unverlierbare Mitgift des Denkens, als ein not- 
wendiges Ergebnis seiner psychologischen oder physiologischen 
„Anlage“ behauptet wird, erweist sich als ein Hemmnis, über 
das der Fortschritt der Wissenschaft früher oder später hinweg- 
schreitet. Wenn wir hier, in den gedanklichen Synthesen und 
Setzungen, das „Absolute“ wiederzufinden hofften, das sich der 
unmittelbaren Wahrnehmung entzog, so sehen wir uns nunmehr 
anttäuscht; was uns zu Teil wird, sind nur immer erneute hy- 
pothetische Ansätze und Versuche, den Inhalt der Erfahrung, 
soweit er sich uns auf der jeweiligen Stufe unserer Erkenntnis 
erschlossen hat, auszusprechen und zusammenzufassen. Ist es 
nicht Willkür, irgend eines dieser mannigfachen Systeme fixie- 
ren und der künftigen Forschung als Muster und Regel aufdrän- 
gen zu wollen? Sind unsere Begriffe etwas anderes und können 
sie mehr zu sein verlangen, als Rechenmarken: als vorläufige Ab- 
kürzungen, in denen wir den augenblicklichen Stand unseres em- 
pirischen Wissens überschauen und zur Darstellung bringen? So 
hat das Denken hier einen Zirkel beschrieben: wenn es davon 
ausging, die Wahrnehmung durch den Begriff zu berichtigen und 
zu kritisieren, so erscheint jetzt die sinnliche Erfahrung in ihrem 
stetigen Fortgang als die höchste Instanz, an der jede begriffliche 
Schöpfung immer von neuem sich zu bewähren hat. Die unbe- 
dingte Einheit und Gleichförmigkeit dieser Erfahrung freilich, 
die auf der ersten Stufe naiv vorausgesetzt wurde, kann hier nicht 
mehr behauptet werden; sie gehört selbst zu jenen Begriffspostu- 
laten, deren bloss relative Geltung nunmehr durchschaut ist. 
Nichts versichert uns mehr, dass nicht der gesamte begriffliche 
Inhalt, den das Denken erbaut und notwendig erbauen muss, im 
nächsten Augenblick durch eine neue Tatsache gestürzt und ver- 
nichtet werde. Für die Eine und unwandelbare „Natur“, die uns 
anfangs als zweifelloser Besitz galt, haben wir nur das Spiel unserer 
„Vorstellungen“ eingetauscht, das durch keine innere Regel mehr 
gebunden scheint. So hebt diese letzte Folgerung, in die die ge- 
schichtliche Betrachtung des Ganges der Wissenschaft einmün- 
det. den Sinn und die Aufgabe der Philosophie auf. Wir dürfen
	        
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