Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das System der Grundbegriffe und seine Wandlungen,

uns dieser Konsequenz nicht verschliessen, sondern müssen sie
aufnehmen und weiterführen. In der Tat wäre es ungenügend,
wenn man ihr etwa mit dem Hinweis begegnen wollte, dass die
vorangehenden Leistungen des Denkens und der Forschung in den
folgenden als notwendige Momente enthalten und „aufgehoben“
seien. In so einfacher und geradliniger Folge, wie diese Konstruktion
 es voraussetzt und verlangt, gehen die verschiedenen Begriffssysteme
 nicht auseinander hervor. Nicht derart vollzieht sich der
empirische Gang der Erkenntnis, dass die einzelnen Momente nur
gleichsam äusserlich aneinander herantreten, um sich mehr und
mehr zu einer einheitlichen Totalansicht zu ergänzen. Nicht in
solchem stetigen quantitativen Wachstum, sondern im schärfsten
dialektischen Widerspruch treten die mannigfachen Grundanschauungen
 einander gegenüber. Das vorangehende logische System
muss vernichtet werden, um einem neuen, das auf völlig anderem
Fundamente ruht, Platz zn machen. So sehen wir, dass ein Begriff,
 der der einen Epoche als in sich widerspruchsvoll erscheint,
der folgenden zum Instrument und zur notwendigen Bedingung
aller Erkenntnis wird; so folgt selbst in der empirischen Wissenschaft
 auf eine Periode, in der alle Erscheinungen auf ein einziges
 Grundprinzip zurückgeführt und aus ihm „erklärt“ werden,
eine andere, in der dieses Prinzip selbst als „absurd“ und unausdenkbar
 verworfen wird. Der Eleatische Begriff des Nicht-Seins
in der antiken, die Begriffe des leeren Raumes und der Fernkraft
in der modernen Spekulation sind bekannte und lehrreiche Beispiele
 eines derartigen Prozesses. Und man begreift gegenüber
solchen Wendungen die skeptische Frage, ob nicht aller Fortschritt
 der. Wissenschaft nur die Resultate, nicht aber die Voraussetzungen
 und Grundlagen betrifft, die vielmehr gleich unbeweisbar
 und gleich unvermittelt einander ablösen. Oder sollte
as dennoch möglich sein, in dieser ständigen Umwandlung, wenn
nicht bleibende und unverrückbare Inhalte, so doch ein einheitliches
 Ziel zu entdecken, dem die gedankliche Entwicklung zustrebt?
 Gibt es in diesem Werden zwar keine beharrlichen Elemente
 des Wissens, aber doch ein universelles Gesetz, das der
Veränderung ihren Sinn und ihre Richtung vorschreibt?
Wir haben an dieser Stelle noch keine endgiltige Antwort auf
diese Fragen. Wie die Geschichte das Problem gestellt hat, so
            
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