Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Die Entstehung der exakten Wissenschaft. 
zine neue Systematik des Begriffs. Die neue Ansicht der Wirk- 
lichkeit hat — nach einem notwendigen Zusammenhang, der uns 
auf verschiedenen geschichtlichen Stufen bereits entgegentrat — 
zu einer Reform der Logik geführt. 
Wir können uns diesen Zusammenhang zugleich an dem 
konkreten Hauptproblem vergegenwärtigen, das überall, wo es sich 
um die Entstehung und Herausarbeitung der neuen Naturanschau- 
ung handelt, im Mittelpunkt steht. Der Kampf um die neuen Prin- 
zipien der Forschung fällt zeitlich und inhaltlich zusammen mit 
dem Kampf um die moderne astronomische Weltansicht. Beide 
Fragen bedingen einander notwendig und innerlich: bei Galilei 
insbesondere kann man verfolgen, wie das Eintreten für das 
Copernikanische System für ihn zum Zentrum und zum Hebel 
für alle abstrakten Einsichten wird, die er in der Mechanik und 
Philosophie gewinnt. Und der Erste, der die methodischen 
Grundlagen der Erfahrungswissenschaft bestimmt ansgesprochen 
hat, hat zugleich die neue Anschauung des Weltbaues vorweg- 
genommen: bei Leonardo da Vinci ist die Erde zum Stern 
anter Sternen relativiert, die Sonne zum unbewegten Mittelpunkt 
geworden.?) Der Zusammenhang beider Probleme wurzelt in ihrer 
gemeinsamen logischen Grundlage. Galilei bereits sieht den 
eigentlichen Ruhm der Copernikanischen Entdeckung nicht im 
Ergebnis, sondern in der Denkweise, die sich in ihr bekundet: in 
der Kraft und Lebendigkeit, mit der der Geist hier allem unmittel- 
baren Sinnenschein zum Trotz die Gründe der Vernunft behaup- 
tet und aufrecht erhält.®*) In dem modernen Bilde der Welt ist 
der Vernunft ein neuer Platz und ein neues Anrecht erobert. 
Die Jebendige Anschauung des Naturganzen, seine Zusammen- 
fassung in einen einheitlichen „Kosmos“ bleibt das Grundziel der 
Betrachtung. Zugleich aber wird klar, dass diese Einheitsan- 
schauung nicht unmittelbar der sinnlichen Betrachtung gegeben, 
sondern durch die rationalen und mathematischen Mittel der Er- 
kenntnis erst zu erarbeiten ist: die Erfassung der Wirklichkeit führt 
durch Mittelglieder, die nur der Gedanke, nicht die direkte Wahr- 
nehmung zu beglaubigen vermag. Die astronomische Theorie 
begegnet sich somit mit der allgemeinen Methodenlehre der neu- 
gren Wissenschaft in demselben charakteristischen Merkmal: sie 
zichtet sich auf eine tiefere Durchdringung des Begrifflichen und
	        
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