Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

252 Die Entstehung der exahten Wissenschaft. — Leonardo da Vinci. 
Gesetz zu verstehen trachten, das über ihm steht und es be: 
herrscht. Zugleich aber ist es nicht genug, dieses Gesetz bloss 
in einer abstrakten Formel auszusprechen, sondern wir müssen 
es in seiner lebendigen Wirksamkeit und in konkreter Anschau- 
ung erfassen. Die Geometrie weist uns den Weg, diese doppelte 
Aufgabe zu erfüllen: sie ist es, die uns das Walten der allgemeinen 
Vernunftregeln gleichsam verkörpert und in plastischer Gestaltung 
vor Augen stellt. In nicht geringerem Maasse aber ist die bildende 
Kunst, die die geometrische Welt räumlicher Formen und Ge- 
stalten erst völlig durchdringt und bis ins Einzelne beherrscht, 
ein Mittel und ein Analogon der echten „Philosophie“. „Wer die 
Malerei missachtet, der ist auch der Philosophie und der Natur 
feind“.?) So schliessen sich die mannigfachen Züge in Leonardos 
geistiger Natur zu einem einzigen, einheitlichen Ziele zusammen. Die 
produktive Kraft der Phantasie ist ihm zugleich ein Grundmittel 
and eine Bedingung der theoretischen Forschung: nur dasjenige 
dürfen wir uns zu begreifen rühmen, was uns die Natur nicht 
wahllos, wie von selbst darbietet, sondern was wir im eigenen 
Geiste entwerfen und vorzeichnen.?!) Aber dieses innere Vorbilden, 
mit dem wir der tatsächlichen Beobachtung vorauseilen, hat zu- 
gleich durch das ideelle Musterbild der Mathematik in sich selbst 
seine Regel und Begrenzung gefunden. Das echte Schauen und 
Spekulieren des Forschers scheidet sich für immer von der 
schweifenden Phantasie der „Schwarmgeister“ (vagabondi in- 
gegni).??) Der ästhetische Idealismus Leonardos, der sich in dem 
Satz ausspricht, dass nur diejenige Schönheit von Dauer ist, die 
nicht dem Stoffe als solchem anhaftet, sondern vom Geist des 
Künstlers auf ihn übertragen ist, bewährt sich auch in der Ent- 
deckung des Naturbegriffs.®) — 
Es ist ein allgemeines Streben der Renaissance, das wir bis 
zu Descartes hin verfolgen können, die besondere Leistung und 
den besonderen Wert, der der „Einbildungskraft“ im Ganzen des 
menschlichen Erkennens zukommt, auszuzeichnen und zu um- 
grenzen. In einer Einteilung der „Seelenvermögen“, die Cam- 
panella vornimmt, wird an letzter Stelle, neben dem diskursiven 
Verstand und über die sinnliche Reproduktion erhaben, eine 
eigene Tätigkeit der „Imagination“ anerkannt. Ihr Ziel ist nicht 
nur, gegebene Vorstellungselemente zu neuen, bisher unbekannten
	        
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