Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

254 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.

exakter Beobachtung bewährt und gegründet. Die „Erfahrung“, die
bisher ein dialektisches Schlagwort war, das der Skeptiker, wie der
Mystiker, die Wissenschaft und die spekulative Naturphilosophie
gleichmässig für sich in Anspruch nahm, erfüllt sich zum ersten Male
mit realem,lebendigem Gehalt. In Keplers Beobachtungen über die
Marsbewegungen ist das neue Ideal der Induktion bereits mit einer
logischen Schärfe und Reinheit, die später kaum zu überbieten
war, verwirklicht. Kepler selbst berichtet in der Darlegung seines
Forschungsganges, wie er zunächst zu einer Hypothese gelangt sei,
lie alle Beobachtungen bis auf acht Minuten genau darstellte, und
wie der einzige Umstand, dass er diese, nach dem Maassstab und
Urteil seiner Zeit geringfügige Differenz nicht übersah und vernachlässigte,
 ihn zur Reform der gesamten Astronomie geführt habe.
Diese strenge Bezogenheit des Denkens auf die Wahrnehmung,
in der es seine notwendige und unerlässliche Kontrolle findet,
ist die Grundforderung seiner Wissenschaft. An die Stelle der
Epicykeln und Kreise der Ptolemäischen Astronomie, die nur als
willkürliche Erdichtungen und als Hilfsmittel der Rechnung eingeführt
 und behauptet werden, tritt der Anspruch, die wahren,
gegenständlichen Ursachen der Himmelsbewegungen blosszulegen.
Die unverbrüchliche objektive Ordnung der Dinge, die nicht beliebig,
 sondern nur auf Eine, notwendige Weise durch den Gedanken
 wiederzugeben ist, bildet das Ziel und Vorbild der Beirachtung.

Dennoch aber — und damit setzt das neue Motiv ein —
handelt es sich in dieser Wiedergabe nicht um stumpfe Aufnahme
 des Gegebenen. Das reine unvermischte Bild der Wirklichkeit
 erschliesst sich nur der selbständigen Tätigkeit des
Geistes. Aus dem eigenen Innern quellen die tiefsten Entdeckungen,
in denen das Geheimnis der Natur sich offenbart. „Nicht der Ein-{luss
 des Himmels ist es, der jene Erkenntnisse in mir gewirkt
hat, sondern sie ruhten gemäss der Platonischen Lehre in der
verborgenen Tiefe meiner Seele und wurden nur geweckt durch
jen Anblick der Wirklichkeit. Das Feuer des eigenen Geistes
und Urteils haben die Sterne geschürt und zu rastloser Arbeit und
Wissbegier entfacht: nicht die Inspiration, sondern nur die erste
Anregung der geistigen Kräfte stammt von ihnen“ 2) Bei Kepler,
wie später bei Galilei, steht somit der Platonische Gedanke der
            
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