Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

256 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler. 
ihre Bewegungen regelt und einstimmig macht. Zwischen den 
veränderlichen Geschwindigkeiten eines einzelnen Weltkörpers 
sowohl, wie zwischen den mittleren Werten der Geschwindigkeit 
der verschiedenen Planeten muss eine Beziehung herrschen, die 
derjenigen zwischen den Schwingungszahlen harmonischer Töne 
analog ist. In der ‚spekulativen Verfolgung dieser Analogien, in 
dem Versuch, sie in eine feste zahlenmässige Formel zu fassen, 
ist Kepler zur Entdeckung seines dritten Gesetzes gelangt, das 
die Umlaufszeit eines Planeten als Funktion seines Abstandes von 
der Sonne bestimmt. 2) 
Aber selbst abgesehen von diesem fundamentalen empirischen 
Ergebnis, lässt sich ein rein logischer Kern aus dem Begriff der 
Harmonie herausschälen. Die Betrachtung nimmt zunächst eine 
neue Richtung, indem sie sich von den Beziehungen, die unter 
den Objekten herrschen, zu‘ ihrem Ursprung zurückwendet: in- 
dem sie somit die Harmonie nicht als ein Attribut der Dinge, 
sondern des Geistes zu verstehen und zu entwickeln sucht. Die 
harmonischen Verhältnisse der Objekte bilden das Correlat, dessen 
der Geist zu seiner eigenen Ergänzung und Vervollkommnung 
notwendig bedarf: die zahlenmässigen Beziehungen am Himmel 
sind die Erquickung und Nahrung der Seele, ohne die sie ver- 
kümmern müsste. Die Welt ist nach dem Muster der geomeltri- 
schen Proportion geschaffen, damit das Ich in ihr beständig neue 
Aufgaben und. neues Material seiner rastlosen Selbstbetätigung 
finde.?) In diesem Bilde, das dem Mysterium Cosmographicum, 
Keplers Erstlingsschrift angehört, ist, bei aller idealistischen Kraft 
des Gedankens, die Harmonie dennoch noch als ein Aeusseres be- 
schrieben, das der Geist ergreift, um es zu bewältigen und der 
eigenen Natur anzupassen. Zwischen dem menschlichen Intellekt 
und den menschlichen Sinnen einerseits und der Gliederung der 
Himmelskörper und ihren Bewegungen besteht, wie der Kommen- 
lar über die Marsbewegungen näher ausführt, eine innere Ver- 
knüpfung und „Angemessenheit“: beide sind auf einander angelegt 
und durch einander messbar.®) In diesem Parallelismus sind 
die beiden Glieder: die Ordnung und Verknüpfung der Ideen 
und die der Dinge, wenngleich aufeinander bezogen, so doch nicht 
minder ihrer Wesenheit nach von einander getrennt. Es ist daher 
2in weiterer Fortschritt der Charakteristik, den das Werk über die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.