Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Theorie der Wahrnehmung.

259

denen Inhalten empfinden, aus diesen materialen Voraussetzungen
nicht verständlich zu machen. Was die Sinne uns darbieten,
bleibt eine wirre chaotische Masse beziehungsloser Eindrücke:
Einheit und Zusammenhang entstehen erst in der Auffassung
and Beurteilung durch den Intellekt, der diese Prädikate von
sich aus auf die Gegenstände überträgt. Man wende nicht ein,
dass die Seele im Akte der Vergleichung die Proportion
zwischen den Inhalten nur vorfinde, nicht erschaffe; — dass
sie also kein notwendiger und unerlässlicher Faktor für die Entstehung
 und den Gehalt der Harmonie sei. Der Geist vermöchte
die harmonischen Verhältnisse nicht als solche aufzufassen und
anzuerkennen, wenn er nicht in eigener und freier Tat die gegebenen
 Inhalte mit dem „Urbild“ der Ordnung und Einstimmigkeit
 zusammenhielte, das er in sich selbst trägt.®) Die echten
‚Archetypen“, die „Paradigmata“ des Schönen und des Wahren
empfangen ihr Sein erst von der Seele. Ihnen eine substantielle
Wesenheit ausserhalb des Bewusstseins zuzuschreiben, ist ein
innerer logischer Widerspruch: „extra animam archetypos illos
constituere est oppositum in adjecto“.%) Das ist das Charakteristische,
 dass Kepler, wenn er an Platon anknüpft, zugleich den
Gedanken der Immanenz der Idee in den Mittelpunkt stellt
und dass er daher die Darstellung, die Aristoteles von der
Genesis der Platonischen Philosophie und von der Lehre der
Wiedererinnerung gibt, ausdrücklich bekämpft. Er schliesst sich
hierin eng an Proklus an, dessen Entwicklung der Ideenlehre
ar eingehend und mit ausführlichem Kommentar verfolgt. Bezeichnend
 für die Richtung seines mathematischen Interesses
and seines mathematischen Genies ist es hierbei, dass er nicht
von der Zahl, sondern vom Raume, nicht von der Grösse überhaupt,
 sondern von der geometrischen Gestalt ausgeht. Den
abstrakten Allgemeinbegriff der Zahl gibt er der nominalistischen
Kritik ausdrücklich preis: die Beziehungen zwischen den blossen
Zahlen haben für sich selbst und losgelöst keinen Erkenntniswert,
sondern erhalten ihre Bedeutung erst von den gezählten Dingen,
von den astronomischen Konfigurationen und Bewegungen, zu
deren Darstellung sie verwendet werden. Erst in der stetigen
Grösse und ihrer qualitativen Eigenart gewinnen wir ein reines
Beispiel einer freien und ursprünglichen Schöpfung des Denkens
vn
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.