268 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Keßler.
Himmelskörper, somit die blossen Accidentien geschaffener Dinge
zu beschreiben, vermag nach ihm an die Metaphysik der ewigen
und unvergänglichen Substanzen nicht heranzureichen. Wieder
deckt Kepler den tiefsten Unterschied der Denkrichtungen auf,
wenn er betont, dass sein Gegner darauf ausgehe, die inneren
Tätigkeitsweisen der Naturwesen zu verstehen und in Klassen
zu ordnen, während er sich begnüge, die äusseren, durch die Er-
f{ahrung selbst gegebenen Bewegungen zu betrachten. „Ich er-
f[asse, wie Du sagst, die Wirklichkeit am Schwanze, aber ich
halte sie in der Hand; Du magst immerhin suchen, ihr Haupt
zu ergreifen, wenn es nur nicht bloss im Traume geschieht. Ich
bin mit den Wirkungen, d. h. mit den Bewegungen der Planeten
zufrieden; kannst Du dagegen in ihren Ursachen selber so durch-
sichtige harmonische Verhältnisse finden, als ich sie in den Um-
läufen gefunden habe, so ist es billig, dass ich Dir zu dieser Ent-
deckung und mir zu ihrem Verständnis Glück wünsche, sobald
ich nur einmal imstande bin, sie zu verstehen‘.#)
Derselbe typische Denkgegensatz, der uns früher bei Leo-
nardo da Vinci und Fracastoro begegnete, tritt uns hier von
neuem in grösserer Energie und Klarheit entgegen. Und diese
Wiederkehr ist nicht zufällig, sondern weist auf einen fundamen-
ialen Widerstreit in der Geschichte des Denkens zurück. Es ist
in der Tat nicht nur die Mystik, gegen die Kepler hier anzu-
kämpfen hat: es ist die gesamte Aristotelisch-scholastische Welt-
ansicht der substantiellen Formen, die damit gleichzeitig getroffen
wird, Kepler selbst sieht seinen Unterschied von Aristoteles darin,
dass dieser, da er über die Geometrie hinaus nach einer höheren
und allgemeineren Wissenschaft strebte, von einem ersten for-
mal-logischen Gegensatze, dem der Identität und Verschieden-
heit seinen Ausgang genommen habe. Ihm dagegen sei alle Ver-
schiedenheit in der Materie gegründet: wo immer aber von Ma-
terie die Rede sei, da beginne auch die unumschränkte Herr-
schaft der Geometrie. Während es daher zwischen den Glie-
dern des Aristotelischen Gegensatzpaares kein Mittleres gibt, sei es
das Auszeichnende der mathematischen Beirachtungsweise, dass
sie eine derartige Vermittlung und einen stetigen Uebergang
zwischen den Elementen zulässt und fordert: der „Einheit“ tritt
nicht die nackte „Andersheit“, sondern in einer doppelten Unter-