Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Kraftbegriff und Seelenbegriff.

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gen zum „Mysterium Cosmographicum“ schildert Kepler, wie er
selbst anfangs noch völlig in dieser Denkrichtung und insbesondere
 in Scaligers Lehre von den führenden Intelligenzen befangen
 gewesen sei: aber er hat hier zugleich das lösende Wort
gefunden, das ihn für immer von dieser Ansicht scheidet. „Als
ich erwog, dass die Bewegungsursache der Planeten mit ihrem
Abstand von der Sonne abnimmt, in derselben Weise, wie
das Licht mit der Entfernung von der Sonne schwächer wird: so
schloss ich daraus, dass diese Ursache etwas Körperliches
sein müsse.“ Die Anschauung des Jugendwerkes, dass die Wirksamkeit
 der Planetenseelen sich abschwäche, je weiter der Planet
vom gemeinsamen Centrum abstehe, enthält, wie Kepler näher ausführt,
 bereits den Keim des Prinzips in sich, auf dem sich später
die Beobachtungen über die Marsbewegungen und die gesamte Physik
 des Himmels aufbauen sollten: mit dem einzigen Unterschied,
dass an Stelle des Seelenbegriffs, wie er dort gebraucht worden
sei, der Kraftbegriff treten müsse. Kraft und Seele, die zuvor
synonym als Bezeichnungen und Unterarten derselben logischen
Gattung gebraucht wurden, treten somit jetzt als begriffliche
Gegensätze einander gegenüber. Und derselbe Gedanke spricht
sich in verändertem Ausdruck aus, wenn die „geistige“ Wirksamkeit
 von der „natürlichen“ scharf geschieden und diese
letztere einem eigenen Prinzip und einer selbständigen Gerichtsbarkeit
 unterstellt wird. In dieser doppelten Entgegensetzung
bestimmt und entfaltet sich der Begriff der „Naturkraft“ in seiner
streng begrenzten Bedeutung. Die neue Wendung stellt sich,
nach aussen hin, am deutlichsten in dem Grundbegriff der
Energie dar, der hier zuerst aus seiner Verwandtschaft mit der
„Entelechie“ und substantiellen Form gelöst und zu seiner
modernen Bedeutung umgestaltet wird.) Kepler spricht das
Problem sogleich in jener schärfsten dialektischen Zuspitzung
aus, in der es seither durch die neuere Philosophie geht: nicht
wie ein göttliches Lebewesen, sondern nach der Analogie eines
göttlichen Uhrwerks ist der Bau der Welt zu begreifen.°)
Wenn auch fürderhin noch bisweilen von einer Beseelung der Gestirne,
 und insbesondere der Sonne, die Rede ist, so handelt es
sich, wie ausdrücklich betont wird, um ein Spiel der ästhetischen
Phantasie, nicht um einen Gedanken von objektiver wissenschaft-
            
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