Die Theorie des Magnetismus. — Gilbert. 277
den Erscheinungen des Magnetismus und der Elektrizität, durch
ein subtiles Fluidum vermittelt, das vom Mittelpunkte ausströmt
und sich in concentrischen Kugeln von immer geringerer Dichtigkeit
um diesen herumlegt.”l)
Zwei Punkte sind es, in denen Kepler Gilberts Theorie, die
er in allen wesentlichen Hauptzügen übernimmt, umgestaltet und
vertieft hat: und beide weisen auf einen gemeinsamen Ursprung
zurück. Zunächst wird die Anziehung, die bei Gilbert nur
zwischen der Gesamtmasse eines bestimmten Himmelskörpers
und seinen einzelnen Teilen bestand, in ihrer Leistung und Bedeutung
erweitert, indem sie als eine Grundkraft erkannt wird,
die über die Sphäre der Einzelkörper hinaus, zwischen den
verschiedenen kosmischen Massen wirksam ist. Kepler hat
hier eine Schranke beseitigt, die selbst für die kühnsten und
entschiedensten Anhänger der neuen astronomischen Weltansicht
noch durchgehend bestand: noch für Giordano Bruno bedeutet
die Schwere lediglich den Zug der einzelnen Massenteile
zu dem Ganzen, von dem sie sich losgelöst haben, ohne auf die
Stellung und Wechselbeziehung der Himmelskörper unter einander
von Einfluss zu sein.?) Indem Kepler seinen neuen Begriff
der Gravitation insbesondere auf das Verhältnis der Erde
zum Mond anwendet, gelangt er damit zu einer Erklärung von
Ebbe und Flut, mit der er den entscheidenden Grundgedanken
der Newtonischen Theorie dieses Phänomens vorwegnimmt.
Dieser Ausdehnung in der empirischen Wirksamkeit des Begriffs
aber entspricht zugleich eine innere inhaltliche Wandlung: denn
noch bei Gilbert waren, so sehr er die dunklen Qualitäten und
Verwandtschaften ablehnt, die psychischen Potenzen nicht prinzipiell
aus der Naturerklärung ausgeschlossen. Die Ordnung und
Beständigkeit der Planetenbewegung wird auch bei ihm noch
auf die Belebung der einzelnen Himmelskörper zurückgedeutet,
wie ihm denn auch die Konstanz der magnetischen Pole ein
Zeugnis für ein seelisches Prinzip ist, das die Erde in ihrem
Umschwung leitet.®) Für Kepler dagegen, der diese Anschauung
noch häufig und ernsthaft diskutiert, sind es zuletzt eben die Erscheinungen
des Magnetismus, die ihn zum Bruch mit der alten
Naturanschauung hindrängen; die ihn — wie er selbst charakteristisch
ausspricht — dazu bestimmen. „von der Seite des Geistes