Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

284 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Kepler,

alten ontologischen Grundsatz, dass es vom Nicht-Seienden keine
Bestimmungen und Merkmale gebe, zu verbessern: denn hier
liege ja ein Inhalt vor, dem an und für sich kein Sein zukommt,
der aber dennoch durch gewisse Bedingungen umgrenzt ist und
dem bestimmte Eigenschaften wenigstens hypothetisch beigelegt
 werden können, sofern man sagen kann, dass, wenn ein
vegelmässiges Siebeneck in den Kreis eingeschrieben wäre, seine
Seite diese oder jene Beschaffenheit besitzen müsste. Das echte
wissenschaftliche Sein, die „essentia scientialis“ eines Elements
vermag freilich im letzten Sinne allein die geometrische Grund-'egung
 und „Beschreibung“ zu sichern: „scientiae possibilitatem
praecedit descriptionis possibilitas“. Auch ein unendlicher Verstand
 würde von der verlangten Polygonseite keine „Idee“, weil
keine innere Anschauung besitzen.®) Wenn Apelt es als einen
Grundzug des Aristotelisch-scholastischen Begriffs der „substantiellen
 Form“ bezeichnet, dass in ihm zwei, verschiedenartige
Dinge: die Form der intellektuellen Synthesis und die Form der
ügürlichen Synthesis, d. i. Gesetz und Gestalt“ miteinander vereinigt
 seien, so trifft diese Kritik auch Keplers ursprüngliche Ansicht:
 die „Idee“ ist auch bei ihm zunächst noch völlig in die
„Gestalt“ verwoben und in ihre Bedingtheit aufgegangen.
Erst der allmähliche, stetige Gang von Keplers empirischer
Forschung führt dazu, diesen anfänglichen logischen Grundzusammenhang
 und diese Abhängigkeit zu lockern. Kepler selbst
hat wiederholt berichtet, mit welchen inneren Schwierigkeiten
er zu ringen hatte, ehe er sich zu dem Gedanken entschloss, die
absolute geometrische „Vollkommenheit“ der Planetenbahnen
aufzuopfern, die -— wie er annahm — nur in ihrer streng kreisförmigen
 Gestalt bestehen könnte. Noch bei Copernicus begegnet
 uns an diesem Punkte eine naiv-teleologische Ableitung:
die Himmelskörper müssen ihren Umschwung in Kreisen vollziehen,
 damit sie im Akt ihrer Bewegung selbst ihr „Sein“ d. h.
ihre geometrische Form und Begrenzung als Kugelgestalten zum
Ausdruck und zur angemessensten Darstellung bringen. Innerhalb
 dieser reinen kreisförmigen Bahnen aber könnte eine Ungleichförmigkeit
 der Bewegung nur von einer Veränderung
der bewegenden Kraft oder von einer unregelmässigen Gestaltung
des bewegten Körpers herstammen: beides Annahmen, denen
            
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