Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Gesetzlichkeit des‘ „Ungleichförmigen.“ 285

unser Intellekt widerstrebt und die der besten Verfassung und
Ordnung des Universums unwürdig wären.®) Kepler hat,
indem er „durch die Beobachtungen gezwungen“ zu den elliptischen
 Bahnen überging, durch diese einzige Tat zugleich eine
methodische Grundanschauung entwurzelt; er hat den Gedanken,
der Ordnung und Gesetzlichkeit des Ungleichförmigen
zum ersten Mal zur wissenschaftlichen Wirklichkeit erhoben.
Sein Briefwechsel mit Fabricius, der in Prag unter Tycho
de Brahe sein Jugendgenosse und Mitarbeiter gewesen war und
der, wie er, seine Forschung vor allem auf das Gesetz der Marsbewegung
 richtete, zeigt greifbar und deutlich, dass Keplers Entdeckung
 nur deshalb gelingen konnte, weil ihn die logischen
Fesseln nicht mehr banden, die jener nicht abzustreifen vermochte.
 Fabricius wendet ein, dass die Regel der Planetenbewegung
 so lange nicht gefunden sei, als die Kurve, in der wir
sie darstellen, einen veränderlichen Abstand von der Sonne
und damit eine veränderliche Geschwindigkeit bedinge: selbst
wenn die Erfahrung der Hypothese der Ellipse günstig scheine,
dürfe man daher nicht früher abstehen, als bis man diese „Unrcgelmässigkeit“
 als blossen Sinnenschein erwiesen und sie auf
konstante Kreisbewegungen zurückgeführt habe. ‘ Für Kepler
aber liegt, wie er hierauf scharf und prägnant erwidert, die
gesuchte Konstanz nicht mehr in der Gestalt der Bahn, sondern
in den Prinzipien seiner Mechanik und Physik: konstant ist
die Einwirkung der anziehenden Kraft, konstant das „magnetische“
Vermögen der Sonne, wenngleich ihm seiner Natur nach für jeden
Punkt der Bahn ein anderer zahlenmässiger Wert zukommt.
Das eindeutige Funktionsgesetz, das den Inbegriff der unendlichen
möglichen Veränderungen wie „in einem Bande zusammenknüpft‘“,®)
 bindet und bestimmt den Weg der Planeten sicherer
als die fiktiven Himmelskreise es jemals vermocht hätten. Was
uns wahrhaft gegeben ist, sind einzig die wechselnden Abstände;
wir dürfen diese Grunderscheinung nicht durch Hilfshypothesen
aufheben und verdrängen, sondern müssen sie in ihrer Mannigfaltigkeit
 selbst als Einheit erkennen und aussprechen. Das
Streben nach der „Gleichförmigkeit“ der Natur bleibt bestehen:
aber wir suchen sie nicht mehr in festen geometrischen Gebilden.
 sondern in jener ursprünglichen „Arithmetik der Kräfte“,
            
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