Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

288 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Kepler.

leitbar macht. ®) Die moderne Physik hat die Unlösbarkeit dieser
Forderung erkannt; sie hat den Ausgangspunkt und die Fragestellung
 Keplers verworfen. Das Gebiet, das sie für ihre Forschung
absteckt, ist nicht das Dasein, sondern das Werden; nicht für
den Gesamtbestand des Alls, sondern lediglich für jede Veränderung,
 die sich in ihm nach immanenter Gesetzlichkeit vollzieht,
 fordert sie die Erklärung und Einsicht aus Gründen. Aber
zs bedurfte eines langen geschichtlichen Weges, ehe beide Fragen,
die noch bei Descartes und Leibniz einander mannigfach
lurchkreuzen, zu scharfer und bestimmter Abhebung und Sonderung
 gelangien. Und man kann sich den logischen Fortschritt,
Jen Keplers Denken stetig vollzogen hat, am deutlichsten vergegenwärtigen,
 wenn man sieht, wie er auch an diesem Prozess,
der seinen Anfängen direkt entgegengerichtet scheint, positiven
Anteil genommen hat. Dass er allgemein das Verhältnis zwischen
Ursache und Wirkung wissenschaftlich durch eine funktionale
Abhängigkeit veränderlicher Grössen dargestellt sehen will, haben
wir bereits verfolgt; aber darüber hinaus ist er auch explicit
zu einer Einschränkung und Berichtigung des früheren Standpunkts
 vorgedrungen, Eine ganze Reihe von Problemen, die das
Mysterium Cosmographicum gestellt hatte, werden von den Erjäuterungen
 zu dem Werk, die von ihm durch einen Zeitraum
von 25 Jahren getrennt sind, mit klarem Bewusstsein beseitigt.
„Ich bin nicht der Erste — heisst es hier — den die unnütze
Frage gequält hat, warum der Tierkreis an eine bestimmte
Stelle des Raumes versetzt worden ist, da ihm doch unendlich
viele andere Lagen hätten angewiesen werden können. Ein ähniches
 Problem findet sich bei Aristoteles: warum bewegen sich
die Planeten in einem bestimmten Sinne, statt im entgegengesetzten?
 , . worauf er selbst die Antwort gibt, dass die Natur
ınter den möglichen Fällen stets das Beste auswähle,
dass es aber den Himmelskörpern besser und vorzüglicher sei,
sich nach vorwärts, als rückläufig zu bewegen. Eine törichte
Auskunft; — denn bevor die Bewegung, bevor die Körper existierten,
 gab es keinen Unterschied des Sinns und der Richtung,
gab es kein Vor- und Rückwärts.“ Auch die Berufung auf Analogien
 des Alls mit einem Lebewesen, dem sein Bau aus Gründen
der organischen Erhaltung vorgeschrieben sei, führt hier nicht
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.