Der Grund des Seins und das Gesetz des Werdens. 289
weiter: beim Bau des Menschen z. B. müsse sich von neuem die
Frage wiederholen, warum seine Gliedmaassen ihre bestimmte,
tatsächliche Anordnung und nicht die umgekehrte, die sie im
Spiegelbilde besitzen, erhalten haben.®%) Man wird hier sogleich
an die verwandten Probleme erinnert, die im Briefwechsel zwischen
Leibniz und Clarke diskutiert werden, ja die noch bis zu
Kants Abhandlung vom „Unterschied der Gegenden im Raume“
fortwirken. Die Antwort aber, die Kepler gibt, bekundet die reife,
prinzipielle Einsicht, die er nunmehr erlangt hat: es ist müssig,
die Welt als eine von verschiedenen „Möglichkeiten“ zu denken
und den Gesichtspunkt der Wahl auf sie anzuwenden, da sie uns
in ihrer Gesamtheit nicht als Exemplar eines Gattungsbegriffes,
sondern nur einmal in eindeutiger empirischer Bestimmtheit und
Gesetzlichkeit gegeben ist: „comparatio locum non habet mundorum,
ubi unus solus est“.®”) So hat Kepler zuletzt gegenüber
den ontologischen Fragen, die selbst Leibniz noch zu täuschen
vermochten, die treffende Abwehr gefunden, weil es im letzten
Grunde die Einheit der Erfahrung und ihrer Prinzipien ist, die
er verficht.
3. Galilei.
In der Geschichte des modernen Geistes gehört der Briefwechsel
zwischen Kepler und Galilei zu den anziehendsten und
charakteristischsten literarischen Zeugnissen. Die Kraft des
neuen wissenschaftlichen Bewusstseins und die sittliche Rückwirkung,
die aus ihm floss, stellt sich hier an einem vollendeten
Beispiel dar. Es bleibt für immer denkwürdig, wie die beiden
Begründer der mathematischen Naturwissenschaft trotz aller
äusseren Einwirkungen und Intriguen, die sie zu entzweien
trachten, sich alsbald in dem gleichen sachlichen Ziele und
dem gleichen philosophischen Eros, der der persönliche
Urquell ihrer Entdeckungen ist, zusammenfinden. Der Briefwechsel
knüpft an Galileis Entdeckung des Fernrohrs und an die
neuen Himmelsbeobachtungen an, die sich unmittelbar an sie
anschlossen. Wir sehen, wie diese Beobachtungen, in denen
Galilei selbst die letzte empirische Bestätigung für die Wahrheit