Erkenntnisbegrif und Erkenntnistheorie,
AL
hältnisses von Sein und Bewusstsein aufs neue formuliert und
damit der Erkenntnis erst ihren Rang und ihre spezifische Stel-
‘ung anweist. In dieser Abgrenzung der Aufgabe besteht, mehr
noch als in den besonderen Ergebnissen, die Originalität jedes
produktiven Zeitalters. Wiederum aber erweitert sich mit dieser
Erwägung das Material, auf das unsere Betrachtung und Unter-
suchung sich zu richten hat. Es sind keineswegs allein die ab-
geschlossenen philosophischen Systeme, es sind die mannigfachen
Versuche und Ansätze der Forschung, wie der gesamten geistigen
Kultur, in denen diese allmähliche Umgestaltung des Ichbe-
griffs, wie des Objektbegriffs sich vollzieht. Alle Tendenzen,
die darauf gerichtet sind, eine: neue Methodik der Erfahrungs-
wissenschaften zu schaffen, oder aber in einem vertieften Begrift
des Selbstbewusstseins einen neuen Grund der Geisteswissen-
schaften zu legen, gehören nunmehr mittelbar zu unserem Pro-
blem. So dürfen wir grosse geistige Bewegungen — wie etwa den
italienischen Humanismus oder die französische Skepsis des
16. Jahrhunderts — auch dann in unsere Forschung einbeziehen,
wenn ihr direkter Ertrag für die systematische Philosophie gering
ist. Es muss der Versuch gewagt werden, aus der intellektuellen
Gesamtbewegung eines Zeitalters sein herrschendes und treiben-
des Erkenntnisideal zu rekonstruieren. Zu dieser Fassung der
Aufgabe nötigt noch ein anderes Moment. Es besagt wenig, wenn
wir hören, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine „em-
piristische“ Periode der Philosophie eine „rationalistische“ gefolgt
sei und dass beide etwa ihren Ausgleich in einer dritten „kri-
tischen“ Richtung gefunden hätten. Als „Empiristen“ treten uns
sogleich in den Anfängen der neueren Philosophie Bacon, wie
Leonardo da Vinci, Galilei wie Paracelsus und Campanella ent-
gegen. Und doch ist der Begriff der „Erfahrung“, für den alle
diese Denker eintreten, nur eine Scheineinheit, hinter der sich
die schwersten prinzipiellen Gegensätze, die die Entwicklung des
Erkenntnisproblems kennt, verbergen. Was einem Jeden von
ihnen die „Erfahrung“ in Wahrheit bedeutet, das kann nur die
sachliche Analyse ihrer wissenschaftlichen und philosophischen
Gesamtleistung herausstellen: nicht lediglich in seiner Aus-
sprache, sondern in seiner produktiven Betätigung durch die ver-
schiedenen Problemgebiete hindurch enthüllt sich uns der Sinn