Die Erhaltung des Stoffes.
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geht. Ja es scheint, als solle durch die Reduktion auf Grösse
und Gestalt auch der physikalische Gesichtspunkt der „Masse“
ausgeschaltet werden, wie es später bei Descartes der Fall sein
wird. Man begreift diese Beschränkung indes aus dem logischen
Interesse, das an dieser Stelle vorwaltet: die Realität des Körpers
ist allein aus der Mathematik zu bestimmen, die hier noch
wesentlich mit der Geometrie zusammenfällt. Der physikalische
Körperbegriff hat sich bei Galilei allmählich und im selben
Maasse entwickelt, wie die Mathematik bei ihm den Uebergang
von ihrer antiken Gestalt zur modernen Form der Analysis
vollzog.
Der Fortschritt, der hier auf dem Wege zur Bestimmung
des konkreten Inhalts erreicht ist, bewährt sich in einer Folge-
rung, die sich direkt aus den bisherigen Prämissen ableitet: mit
dem Begriff der Materie, den Galilei zu Grunde legt, ist zugleich
der Gedanke der Erhaltung des Stoffes gegeben. Indem wir
den Wechsel und die Veränderlichkeit, die den subjektiven In-
halten der Wahrnehmung eignet, von dem „realen“ Gegenstand
der Natur ausgeschlossen denken, haben wir diesen damit als
beharrende identische Einheit fixiert. Ein absolutes Ent-
stehen und Vergehen würde einen unmittelbaren Gegensatz zu
demjenigen Weltbegriff in sich schliessen, den der Verstand
aus sich selbst entdeckt und entwirft. Eine wahrhafte „substan-
tielle Umwandlung“, bei der ein Stoff sich derart umformt, dass
er als völlig vernichtet gelten muss, ist ein unvollziehbarer Ge-
danke. Es ist charakteristisch, wenn in den Dialogen über die
beiden Weltsysteme der Aristotelische Gegner Galileis sich zur
Widerlegung dieses Satzes auf den unmittelbaren Sinnenschein
beruft: denn sehen wir nicht täglich Kräuter, Pflanzen und Tiere
vor unsern Augen entstehen und vergehen, sehen wir nicht, wie
die Gegensätze beständig mit einander ringen, wie die Erde sich
in Wasser, das Wasser in Luft verwandelt und diese sich wieder
zu Wolken, Regen und Gewitter verdichtet? Solche offen-
kundigen Tatsachen leugnen, heisst die Prinzipien der
Wissenschaft selbst und damit die Möglichkeit jeder Beweis-
führung aufheben.!!5) So sehen wir, wie der Aristotelismus das
Schicksal der wissenschaftlichen Axiome an die Anerkennung
oder Verwerfung bestimmter meteorologischer „Erfahrungen“ ge-