304 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.
knüpft denkt. Für einen „Empirismus“ dieser Art hat Galilei kein
Verständnis und keine Duldung mehr. Nicht alles, was sich auf
das angebliche Zeugnis einer unmittelbaren Beobachtung stützt, gilt
ihm als Faktum im Sinne der Wissenschaft. Erst die systematische
Verknüpfung und die Uebereinstimmung mit der Allheit der Phä-
nomene entscheidet über den Wert einer einzelnen „Tatsache“: um
aber diese Uebereinstimmung zu prüfen, müssen wir den beson-
deren Fall mit allgemeinen systematischen Grundsätzen zusammen-
halten. Durch die Beziehung auf solche Kriterien, wie z. B. auf
das Gesetz der Erhaltung der Materie, wird ein Prozess, der sich
für die Wahrnehmung als absolute Schöpfung und Vernichtung
darstellt, für das Urteil zu einer blossen relativen Verschiebung
von Teilen innerhalb der homogenen Gesamtheit des Stoffes.
Wir wissen durch Galileis eigenes Zeugnis, dass die Richtung des
Denkens, die hier geschildert ist, auch bei der Entdeckung des
Grundfaktums seiner Wissenschaft, bei der Entdeckung der Fall-
gesetze, eingehalten worden ist. 116)
Allgemein zeigt es sich, dass der Begriff der Bewegung, je
mehr er in den Blickpunkt des Interesses tritt und je deutlicher
er sich als der eigentliche Typus der physikalischen Wirklichkeit
heraushebt, eine analoge Entwicklung eingeht, wie wir sie am
Begriff des Stoffes verfolgen konnien. Zunächst wird auch hier
die Scheidewand zwischen abstrakter und konkreter Betrachtung,
zwischen Theorie und Anwendung beseitigt: die Bewegung ist
für Galilei ein ebenso vollgültiger und legitimer mathematischer
Begriff, wie das Dreieck oder die Pyramide. Nichts Fremdes,
nichts Aeusserliches tritt mit ihr in den Kreis der reinen ma-
'hematischen Objekte ein.!!%) Durch Galileis Schriften zieht sich
der Kampf gegen diejenigen, die für die Eigenheit der physi-
schen Gegenstände eine eigene „physische Methode“ verlangen,
die der „mathematischen“ entgegengesetzt oder auch von ihr nur
in irgend einem wesentlichen Merkmal unterschieden wäre. Die
unmittelbare Anwendbarkeit geometrischer Folgerungen auf die
empirischen Veränderungen leugnen: das ist ebenso lächerlich,
als wolle man behaupten, dass die Gesetze der Arithmetik bei
der Abzählung eines konkreten Quantums versagten. Der Ari-
stotelische Satz, dass man in den natürlichen Dingen keine Be-
weise von mathematischer Strenge suchen und fordern müsse,