Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

306 Die Entstehung der exakten VVissenschaft. — Galilei 
sammenfasst, deren Setzung einen bestimmten Effekt mit Not- 
wendigkeit in sich schliesst.12?) — 
Aus dem reinen mathematischen Begrifl der Bewegung leilet 
sich weiterhin — der Entwicklung entsprechend, die der Begritl 
der Materie nahm — der Gedanke und die Forderung ihrer un- 
veränderlichen Erhaltung ab. Die Entdeckung des Beharrungs- 
gesetzes hängt mit dem Ausgangspunkt und den Grundgedanken 
von Galileis Forschung innig und unverkennbar zusammen. 
Schon aus der Betrachtung dieses Zusammenhangs heraus sollte 
jeder Zweifel daran schwinden, ob Galilei die volle Einsicht von 
der Allgemeinheit und Tragweite seines neuen Grundsatzes be- 
sessen hat. Die Beweisgründe, die in neuerer Zeit dagegen ange- 
(ührt worden sind, beleuchten nur die geschichtlichen Schwierig- 
keiten, die sich dem Gewinn der neuen Erkenntnis entgegen- 
stellten, zeigen nur die mannigfachen psychologischen Vermitl- 
lungen und Vorstufen, die notwendig waren, ehe der Gedanke 
sich in voller Reinheit herauslösen konnte. So sehr es von 
historischem Interesse ist, diesen stetigen Gang der Entdeckung 
zu verfolgen: die Klarheit und Sicherheit des Ergebnisses, wie es 
uns vor allem in den „Discorsi“ entgegentritt, wird dadurch nicht 
berührt.!®) Die Ableitung, wie sie hier gegeben wird, kann 
wiederum als ein Musterbeispiel für das Verhältnis von Denken 
und Empfindung gelten. Von einer Vorbereitung, von einem 
Ansatz des Denkens geht die Untersuchung aus: es ist eine reine 
„Konzeption des Geistes“ an die die Frage sich richtet.!? Der 
Streit über den „empirischen“ oder „apriorischen“ Ursprung des 
Beharrungsgesetzes ist daher im Grunde müssig: denn so wenig es 
eines Wortes darüber bedarf, dass das Gesetz nur an den Tatsachen 
der Erfahrung zur Entdeckung kommen konnte, so deutlich wird 
auf der anderen Seite, dass eben jene Tatsachen selbst nicht der 
direkten Wahrnehmung blosslagen, sondern durch das Denken der 
„resolutiven Methode“ erst herauszusondern und zu gewinnen 
waren. In meisterhafter Weise hat Galilei diese Kunst der Analyse 
in der Kritik der Aristotelischen Auffassung der Wurfbewegung 
bewährt. Hier ist es, wie bekannt, das Medium, das zur Er- 
klärung der Fortsetzung der Bewegung herbeigezogen wird: beim 
Fortschleudern eines schweren Körpers wird zunächst die be- 
nachbarte Luft in schnelle kreisende Bewegung versetzt, die all-
	        
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