Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Substantielle und funktionelle Weltansicht. 831l

lassen, erschliesst sich uns das allgemeingültige Gesetz der Fallbewegung.
 Das Verfahren der Ontologie dagegen verfällt umgekehrt,
 in dem Streben, die innere „Natur“ der Dinge zu ergreifen,
der Leitung und Herrschaft des blossen Wortes. Die Polemik
gegen Galilei bietet hierfür krasse Beispiele. So bestreitet der
Jesuit Scheiner — um das Dogma der Unveränderlichkeit des
Himmels aufrecht zu erhalten --—- dass die Sonnenflecken in der
Sonne selbst ihren Sitz und Ursprung haben könnten: sei doch
die Sonne ihrer „Natur“ nach der leuchtendste Körper und daher
unfähig, den Gegensatz der Dunkelheit aus sich zu erzeugen. Als
wären — bemerkt Galilei -— die Dinge und Wesenheiten um der
Namen willen da, nicht die Namen um der Dinge willen.11) Es
ist das Charakteristische der menschlichen Erkenntnis, dass sie
stets nur von Erscheinung zu Erscheinung fortschreiten, dass sie
nicht schlechthin von der unbedingten Natur der Dinge, sondern
nur von den „Affektionen“, in denen sie sich äussern und offenbaren,
 ihren Ausgang nehmen kann. Diese „Affektionen“ aber
— unter denen Galilei den Ort, die Bewegung, die Grösse, die
Gestalt hervorhebt — bilden in sich selber ein notwendiges
Ganze, in dem jedes Glied durch ein weiter zurückliegendes bedingt
 wird, in dem daher jede Lösung immer wieder auf ein
neues Problem zurückweist.
Diese Unabschliessbarkeit der wissenschaftlichen Aufgabe
 bildet ein charakteristisches und notwendiges Moment der
neuen Grundanschauung. Wir sahen, wie der Empirismus, der
sich unter der Herrschaft der substantiellen Weltansicht herausbildete,
 von Anbeginn an den Keim der Skepsis in sich trug:
wenn die Erkenntnis auf die Einzeldinge als letztes Ziel bezogen
 ist, so muss sich alsbald ihr Unvermögen zeigen, die
Gesamtheit des Wissensstofles zu umspannen. Um dem Wissen
sein Recht und seine Geltung wiederzugeben, gibt es kein anderes
 Mittel, als das Ideal des Erkennens von Grund aus umzugestalten,
 als den extensiven Maassstab in einen intensiven
umzuwandeln, Mit der gleichen Sicherheit, in der er seinen
allgemeinen wissenschaftlichen Ausgangspunkt begründet hat,
wird dieser Schritt nunmehr von Galilei vollzogen. Extensiv
beurteilt, d. h. an der Menge der Objekte, die es zu begreifen
gilt. gemessen, ist der menschliche Intellekt gleich einem Nichts
            
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